Die geplanten Haushaltskürzungen bei der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) beschreibt deren Generaldirektor Volker Heller auf einem Pressegespräch am Dienstag mit den Worten: »Mit der Abrissbirne durch die ZLB.« Die Auswirkungen der geplanten Kürzungen zwingen die ZLB[1] dazu, 2,2 Millionen Euro einzusparen. Konsequenzen sind unter anderem der Abbau von zehn Prozent der Personalstellen in den nächsten fünf Jahren, das Aussetzen des Auszubildenden-Programms und die voraussichtliche Reduzierung der Servicezeiten um 20 Prozent, so Heller. »Der Personalabbau wird erhebliche Leistungseinschränkungen der Bibliothek in einem sehr spürbaren Umfang zur Folge haben.«
Ein Rückschritt, da die ZLB sich in den vergangenen zehn Jahren darauf konzentriert hat, ein Begegnungsort für die ganze Stadtbevölkerung zu sein und unter anderem Raum für Debatten und Bildung – unabhängig vom Einkommen – anzubieten. So ist die Amerika-Gedenk-Bibliothek in Kreuzberg[2] in der Regel gut gefüllt, etwa mit Schüler*innen und Studierenden, die konzentriert lernen, mit Besucher*innen, die die neuen Medien auf den Ausstellungstischen von Sachbüchern bis zu Tiktok-Empfehlungen inspizieren und mit Anwohner*innen, die die Computer nutzen.
Laut Generaldirektor Heller muss auch die Frischluftbibliothek in Kreuzberg gestrichen werden, die sich besonders an heißen Sommertagen großer Beliebtheit erfreue. Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche sollen merklich eingeschränkt werden. Dazu gehört das Angebot »Pen Pencil Club«, über das Schulanfänger*innen ihre Feinmotorik trainieren und sich so auf das Schreiben und Lesen vorbereiten können. Familien konnten in der Vergangenheit kostenlos und ohne Anmeldung teilnehmen.
Sollte es zu weiteren Kürzungen kommen, droht sogar die Schließung der Berliner Stadtbibliothek[3] am Standort Breite Straße, die zweite Niederlassung der ZLB neben der Amerika-Gedenk-Bibliothek. »Die Managementrealität ist: Wir stehen an der Wand«, sagt Heller. Auch das Digitalangebot und der Kauf neuer Medien könnten reduziert werden, sollten weitere Kürzungen notwendig sein. Ein Szenario, das nicht ausgeschlossen ist, denn der Senat plant für 2026 und 2027 Haushaltskürzungen von über einer Milliarde Euro.
Die Senatsverwaltung für Kultur, in deren Ressort die Bibliothek fällt, teilt auf nd-Anfrage mit, sie habe die Pläne der ZLB zum Umgang mit den Kürzungen zur Kenntnis genommen. »Eine Standortschließung steht aktuell nicht zur Debatte und muss mit Blick auf die Bedeutung der Zentral- und Landesbibliothek für die Berliner Kultur- und Bildungslandschaft auch aus Sicht des Senats unbedingt vermieden werden.«
»Der Personalabbau wird erhebliche Leistungseinschränkungen der Bibliothek in einem sehr spürbaren Umfang zur Folge haben.«
Volker Heller
Generaldirektor ZLB
Die ZLB ist die beliebteste Bibliothek in Berlin, 2024 verzeichnete sie nach eigenen Angaben 1,3 Millionen Besuche und 3,3 Millionen physische Ausleihen. Die Bibliothek kommt dem großen Andrang nach, indem sie an ihren beiden Standorten wöchentlich 70 Öffnungsstunden inklusive Sonntagsöffnung anbietet.
Durch die Sparmaßnahmen bei der ZLB wird auch die Zukunft des angekündigten Berliner Bibliotheksgesetzes infrage gestellt. Dadurch sollen öffentliche Bibliotheken als grundlegende Infrastruktur anerkannt werden. Das bedeutet, es würde eine Pflichtaufgabe für das Land und die Bezirke, die fortlaufende Finanzierung zu gewährleisten. Das Gesetz sollte eigentlich Dezember 2024 dem Abgeordnetenhaus übergeben werden, bislang ist das aber nicht passiert.
Nicht nur die ZLB schaut besorgt auf die Kürzungspolitik des Senats, auch der Deutsche Bibliotheksverband reagiert schockiert. »Die aktuell von der Koalition vorgesehenen Einsparungsmaßnahmen bei den öffentlichen Bibliotheken Berlins werden einen massiven Flurschaden im VÖBB anrichten, der die Berliner öffentliche Bibliotheksgemeinschaft viele Jahre in die Vergangenheit zurückkatapultiert«, teilt der Verband mit.