Wahrnehmungen können sehr unterschiedlich sein. Ich zum Beispiel habe den Eindruck gewonnen, das das BSW mit seiner migrationsfeindlichen Politik, seinem engagierten Eintreten für den sogenannten unternehmerischen Mittelstand, seiner extrem hierarchischen Top-Down-Struktur und seiner Putin-Arschkriecherei sei eine rechte Partei. Die SPD ist, so weiß man, spätestens seit Gerhard Schröder Krieg führte und ein Massenverarmungsprogramm ins Werk setzte, das hierzulande bislang ohne Beispiel ist, eine rechte Partei. Wobei strengere politische Beobachter als ich die Rechtswende der Sozialdemokratie aus Gründen, die hier nicht weiter erörtert werden sollen, auf gut ein Jahrhundert früher datieren würden (»Die SPD hat Tradition / Seit 1914 schon«).
Und wer heute einen FDP-Ersatz wie die Grünen für eine »linke Partei« hält, hat anscheinend mal wieder vergessen, seine Tabletten zu nehmen: Gegründet wurden sie von einer Handvoll Hippies, Dropouts, Peaceniks, Esoterikspinnern, Altnazis und konservativen Umweltschützern als »Anti-Parteien-Partei«, also als parlamentarischer Arm jenes evangelisch-asketisch geprägten Teestuben-Milieus, das anfangs glaubte, durch Topfschlagen, Händchenhalten bei Mahnwachen und Heinrich-Böll-Lektüre die Welt in eine Art überdimensionierte Wohngemeinschaft verwandeln zu können. Heute gilt, was Hermann L. Gremliza schon vor zwei Jahrzehnten schrieb: »Wenn sie dafür ihre Dienstwagen behalten dürfen, bauen die Grünen zehn neue Atomkraftwerke und erklären Russland den Krieg.« Die letzten »Linken« also, die diese Bezeichnung tatsächlich verdienen, sind bereits vor fast 40 Jahren aus der grünen Partei ausgetreten.
Doch das alles ficht die rechte Springer-Zeitung »Die Welt« nicht an, die viertelstündlich weiter nach rechts zu rücken scheint – in der Hoffnung, den aus herumhitlernden Online-Kommentatoren, Incels, Preppern, Feierabendfaschisten und anderen Deutschlandhausmeistern bestehenden Wählersumpf, der ja hierzulande sehr tief ist, in Abonnements ummünzen zu können. Nur so ist auch die … sagen wir: stark verschobene Realitätswahrnehmung des Blattes zu erklären.
Einer der Stammautoren der Zeitung warnte vor ein paar Tagen etwa vor einem nur in seiner eigenen Wahnwelt existierenden »Linksblock aus Grünen, SPD, Linke und BSW«, der »stärkste Kraft im Bundestag« werden und zur Bedrohung für das »Bürgertum« werden könnte. Sprache ist eine tolle Sache, mit der man viel Schindluder treiben kann, wenn der Tag lang ist: Mit »Bürgertum« sind hier offenbar jene Leute gemeint, die sich bis gestern nicht recht entscheiden konnten, ob sie lieber die Neonazis wählen sollen oder einen teils mit deren politischen Vorhaben sympathisierenden Wirtschaftslobbyisten, der – um politisch Uninformierten sein »Programm« in aller Kürze zu skizzieren – nicht ohne Grund mit einem niederträchtigen, sich gierig die Hände reibenden Atomkraftwerksbesitzer aus einer US-amerikanischen Zeichentrickserie verglichen wird.
Derselbe »Welt«-Autor, der mit seiner Zeitmaschine irgendwo in den Achtzigern hängengeblieben zu sein scheint, bezeichnet die Linkspartei, die letzte verbliebene politische Kraft, in deren Programm sich noch ein paar klägliche sozialdemokratische Reste finden, als »Mauermörderpartei«, bei deren Wählern es sich um »Neuhoneckers und Nachfolgestasis« handele, an denen nur die wenigsten noch »menschliche Züge erkennen« könnten.
Beim Leser soll dieses Propaganda-Vokabular wohl die Vorstellung heraufbeschwören, dass die anderthalb Jahre vor dem sogenannten Mauerfall geborene Heidi Reichinnek täglich mit einer MP Menschen erschieße und dass ihre Wähler fanatische stalinistische Folterknechte seien, deren Zugehörigkeit zur Menschheit infrage gestellt werden muss. Das sind die Methoden der »Welt«: Tatsachenverdrehung, Verunglimpfung, Hetze und Hohn.
Eine andere in der Zeitung praktizierte Methode, die zur Verharmlosung der neuen Faschisten und zur Dämonisierung von Sozialdemokraten dienen soll, ist die dumme Rede vom »Extremismus von links und rechts«, bei der fortgesetzt in ahistorischer und geschichtsrevisionistischer Manier nicht nur Antifaschismus mit Faschismus gleichgesetzt wird, sondern auch die »Linke« mit der AfD.
So führte etwa jüngst ein anderer »Welt«-Stammautor den »längst historischen Abbau der Brandmauer zu den SED-Nachfolgeparteien« als Beispiel dafür an, dass man gut daran täte, künftig den Rechtsextremen freie Hand zu lassen. Die bewusste Verwendung des Begriffs »Brandmauer« soll hier suggerieren, die beängstigend harmlose Linkspartei sei ebenso gefährlich für die Demokratie wie jene Leute, die von der »Welt« bislang wohlweislich nicht als »NSDAP-Nachfolgepartei« bezeichnet werden.
Über die sogenannte Brandmauer gegen die AfD (die Friedrich Merz und andere tatsächlich ja längst ignorieren) schreibt derselbe Autor: »Statt die Konkurrenz der Parteien zu befördern, droht sie diese vollends zu ersticken.« Die Beiträge, mit welchen die AfD in Landtagen und im Bundestag bislang überaus erfolgreich die »Parteienkonkurrenz« beförderte, kann man als Interessierter nachlesen: Sie haben überwiegend die Verharmlosung der NS-Zeit und die Relativierung des Holocaust zum Inhalt oder dienen der Verbreitung von Verschwörungsnarrativen, ganz abgesehen von dem antisemitischen Weltbild, das sich in großen Teilen der Partei wiederfindet. Aussagen wie jene von Alexander Gauland, der eine SPD-Politikerin »in Anatolien entsorgen« wollte und kundtat, die Nazis seien nur ein »Vogelschiss« in der deutschen Geschichte gewesen, gehören dabei, vergleicht man sie mit Äußerungen niederer Parteichargen, noch zu den harmloseren.
Ich bin mir nicht sicher, ob, um einer besseren Zukunft willen, nicht auf die Beförderung eines lebhaften demokratischen Diskurses dieser Sorte verzichtet werden sollte. Sicher ist jedenfalls: An dem Tag, an dem ein »Linksblock stärkste Kraft im Bundestag« wird, schaue ich persönlich in der »Welt«-Redaktion vorbei, um meine sozialistischen Grüße zu übermitteln und dem Chefredakteur ein mit einer roten Schleife versehenes Honecker-Bild zu überreichen. Ich glaube allerdings nicht, dass ich den Tag noch erleben werde.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1189289.axel-springer-die-welt-vorsicht-vor-dem-linksblock.html