»Bau auf, bau auf« – so begann ein DDR-Jugendlied, das natürlich nicht nur die Jugend meinte, sondern alle Bürger dieses Landes: »Für eine bessere Zukunft richten wir die Heimat auf«, wie es in dem FDJ-Lied weiter heißt, konnte als Hymne gelten. Bauen in der DDR war ein Dauer-Prozess und kam doch nie ans Ende.
Mit ihrem Sammelband »Auferstanden aus Ruinen« wollen die beiden Medienhistoriker Michael Grisko und Günter Helmes nichts Geringeres als das Planen, Bauen und Wohnen in Spiel- und Dokumentarfilmen der DDR vermessen. Das ist ein weites, sehr weites Feld: »Der Aufbau und die damit verbundene Planung eines neuen, eines anderen Staates (...) waren ein wesentlicher Bestandteil der Gründungsprogrammatik der DDR. Er wurde insbesondere im Zusammenhang mit Konzepten wie ›Neubaustadt‹ oder ›Plattenbau‹ und Realisationen wie Hoyerswerda oder Halle-Neustadt als sichtbare Ausgestaltung sozialistischer Ideen verstanden«, verallgemeinern die Herausgeber ihr Anliegen. Die DDR als fortwährendes Projekt, als gesellschaftliche Dauer-Aufgabe wurde in ihren Filmen visualisiert.
Alle hier versammelten Texte begreifen die Wohnung als sozialen Raum, lassen jedoch tiefergehende Fragen wie nach Mietverhältnissen, nach architektonischen Besonderheiten oder nach Baureparaturkonzepten außen vor. Die meisten Beiträge arbeiten an der Ent-Mythologisierung des »Wohnungsbauprogramms« als Erfolgsgeschichte, bekanntlich Erich Honeckers ehrgeizigstem und am meisten widersprüchlichen Konzept. Die Fallhöhe zwischen Utopie und Realität, zwischen individuellem Wollen von Menschen und dem Dogmatismus der Behörden vor dem Hintergrund des Mangels an Baumaterial als Dauerproblem fordert das Komische geradezu heraus, wenn auch nicht ohne gelegentliche bittere Untertöne. Hierzu passt der Text von Günter Helmes über das Fernsehtheater Halle-Moritzburg, ein flott geschriebener Abriss über den munteren fleißigen Ableger der Adlershofer Zentrale, der seit 1965 über 26 Jahre vor allem moderate Familienkomödien und –schwänke mit Familienmilieu produzierte, die natürlich in vielen Wohnungen spielten. My home is my castle. Man könnte noch viele weitere Defa-Filme anführen.
Am meisten überzeugen die Texte und die Filme, die den Aufbau in der Nachkriegszeit thematisieren: da ging es ja wirklich um Aufbau aus den Trümmern des Krieges. Filme dieser Aufbauzeit wie die Komödie »Die Kuckucks« (Regie Hans Deppe, 1949) oder »Irgendwo in Berlin«[1] (Regie: Gerhard Lamprecht, 1946) werden ausreichend dargestellt und ihre Bezüge zu der Aufbauproblematik schlüssig charakterisiert. Die Hilfe zur Selbsthilfe, zumal mit einer kraftvollen jungen Frau im Zentrum der Geschichte, bildet bei den »Kuckucks« ein amüsantes Modell, das auch für die Gegenwart taugt. In der DDR gab es später den »Ankunftsfilm«, wobei die Ankunft im damaligen sozialistischen Alltag (mit seinen Widrigkeiten) gemeint ist. Da wird aus einer Bruchbude ein eigenes Häuschen wie in »Dach überm Kopf« (Regie und Autor: Ulrich Thein[2], 1980), ebenfalls eine Komödie mit einer Frau als Hauptfigur.
Bei seinem Überblick über die Großsiedlung Halle-Neustadt vernachlässigt Stephan Ehrig die DDR-spezifische »neue Wohnqualität alias Lebensqualität«, die dieses Riesenprojekt vorschlug und zieht statt der Empirie US-amerikanische Theoretiker heran, um seine Sicht zu begründen. »Die Verschiebung von off-Stimmen zu Interviews, somit von expositorischer Supraerzählung zu vermehrt partizipatorischen polyphonen Suberzählungen« – derart eine Filmbeobachtung zu beschreiben ist irreführend und gemeinhin nicht nachvollziehbar. Überzeugend ist der Rapport über die Filme des Wohnungsbaukombinats Berlin von Dennis Basaldella. Als Amateurfilmstudio eher ein Nebenfeld der DDR-Filmproduktion mischten sich hier Betriebsegoismus und die Lust am Umgang mit dem Film als Medium. Dieser Text entstand als Teil eines Forschungsprojektes der Babelsberger Filmuniversität, das sich des Laienfilmschaffens in der DDR annahm.
Ko-Herausgeber Michael Grisko liefert einen umfangreichen Abriss aller Filme: chronologisch und thematisch, mit knappen Angaben zu den Storys. Manche Autoren haben sich möglicherweise zu viel vorgenommen, wenn sie die Filmfabeln auf eine Art Mathematik der Story herunterbrechen, um sie als ein soziologisches Konstrukt zu betrachten, wobei sie die ästhetischen Werte leider vernachlässigen. Das kann man durchaus als Aufforderung verstehen, sich diese Filme noch einmal anzusehen.
Insgesamt wird mit Kennerschaft und Begeisterung für den Stoff in diesem Buch ein wenig beachtetes Filmfeld erschlossen. Entstanden ist ein sehr weitgefasster Überblick mit einigen Tiefensondierungen, denen man weitere und gründlichere Forschungen wünschen möchte.
Michael Grisko/Günter Helmes (Hg.): Auferstanden aus Ruinen. Planen, Bauen und Wohnen in Spiel- und Dokumentarfilmen der DDR. Verlag Herder, 210 S., geb., 48 €.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1189367.ddr-im-film-wohnen-und-wollen.html