Was würde passieren, wenn in den gesamten USA für eine Minute sämtlicher Strom abgestellt wird? Ampeln fallen aus, und es kommt massenhaft zu Unfällen, Züge entgleisen, Börsenkurse rauschen in den Keller, Flugzeuge stürzen beim Landeanflug ab, Teile des Gesundheitssystems kollabieren kurzzeitig und Tausende Menschen kommen in dieser einen Minute ums Leben. So zumindest passiert das infolge einer Cyberattacke im neuen Netflix-Serien-Aushängeschild »Zero Day«, in dem der mittlerweile 81-jährige Schauspielstar Robert De Niro sein Seriendebüt gibt. Er spielt den Ex-Präsidenten George Mullen, der sich eigentlich zur Ruhe gesetzt hat, gerne joggen geht und seine morgendlichen Runden im Pool schwimmt. Aber Präsidentin Evelyn Mitchell (Angela Bassett) setzt angesichts der drohenden Gefahr einer erneuten Attacke auf den allseits beliebten und vertrauenswürdigen Mullen, der eine frisch eingerichtete Kommission zur Aufklärung der Cyberattacke leiten soll. Denn als der Strom für eine Minute ausfällt, ist auf allen Handys die Nachricht zu lesen: »Das wird wieder passieren!« Und die Anti-Cyber-Terrorismus-Behörde mit dem titelgebenden Namen »Zero Day Commission« hat weitreichende Kompetenzen, kann auf sämtliche Daten zugreifen, verknüpft alle Sicherheitsdienste und kann ohne richterliche Beschlüsse Bürgerrechte außer Kraft setzen.
»Zero Day« spielt einen Angriff auf die USA im Stil des 9/11 im digitalen Zeitalter durch. Was sind demokratische Grundrechte noch wert, wenn eine Notsituation auftritt oder von der Regierung erklärt wird? Diese Frage beschäftigt derzeit viele Menschen in den USA angesichts der breit angelegten und rücksichtslosen Offensive der Trump-Administration gegen alle möglichen politischen Gegner. Insofern hat der düstere und beklemmende Sechsteiler ungemein brisante Aktualität. Kurz nach der Attacke gehen dann auch Verschwörungstheoretiker auf die Straße und beschimpfen Politiker und Polizisten als »sozialistische Verräter«. George Mullen bekommt aber auch reichlich Ärger mit seiner Tochter Alexandra (Lizzy Caplan), einer Kongressabgeordneten, die den radikalen Grundrechte-Abbau öffentlich kritisiert und zum schärfsten Gegner der neuen Kommission wird. Der überfordert wirkende George Mullen steht plötzlich inmitten der verschiedenen, miteinander konkurrierenden Sicherheitsdienste, hat die Präsidentin im Nacken, die möglichst schnell einen Schuldigen präsentieren will und Russland als Verantwortlichen sieht. Durch dubiose Kanäle findet Mullen heraus, dass wahrscheinlich eine inländische Terrorgruppe hinter dem Anschlag stecken könnte.
Neben der politischen Dimension bietet der Thriller mit einem Staraufgebot eine vielschichtige Story mit verschiedenen Fährten, die geschickt ausgelegt werden und enorme Spannung erzeugen. Neben einer Hackergruppe aus der Bronx, russischen Geheimagenten, die im Großraum New York aktiv sind, einer inländischen Terrorgruppe, dem Berater des Ex-Präsidenten (Jesse Plemons), diversen intriganten Politikern und einflussreichen Journalisten geht es auch um die Tech-Milliardärin Monica Kidder (Gaby Hoffmann), die sich in die Ermittlungen einmischt. Wer hat welche Interessen? Welche Abhängigkeiten dabei existieren, fächern auch verschiedene Rückblenden auf. Aber plötzlich hat George Mullen altersbedingte Aussetzer, oder leidet er womöglich an Halluzinationen? Irgendetwas stimmt nicht an dieser immer düster werdenden Geschichte, in der immer mehr Polizei und Militär die Straßen von Washington und New York säumt. »Zero Day« packt auf verstörende Weise die derzeitige Sorge vor einem immer krasser werdenden Grundrechte-Abbau in den USA in Bilder. Im großen Finale, das dann etwas aufgesetzt wirkt, geht es vor allem um die Frage, wie krisensicher die US-amerikanische Demokratie ist und wie politische Wahrheiten in gesellschaftspolitischen Debatten und medial hergestellt werden. Damit ist »Zero Day« auf jeden Fall ganz nah an der US-amerikanischen Aktualität dran.
»Zero Day« auf Netflix
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1189382.netflix-serie-zero-day-duesteres-amerika.html