Eines Tages stellte ich mit Schrecken fest, dass ich keinen Bart besaß. Nicht dass ich vor diesem schicksalhaften Tag einen Bart besessen hätte; es war mir bloß nie besonders aufgefallen. Ich bin zwar kein Rabbiner, aber immerhin auch nicht gläubig. Sollte ich da also nicht einen Bart tragen? Was sollten die Leute sonst von mir denken! Vielleicht dass ich die Gebote nicht kenne? Andererseits: Wenn ich sie kennen würde, dann wüsste ich, dass darin so gut wie fast gar nichts vom Bart steht.
Jedenfalls verstand ich, dass ich ein überaus rasierter Mensch war, und begann mich mit den Vorteilen der Bebartung auseinanderzusetzen. Überall erwies sich der Bart als hilfreich. Er gewährt Zugang zum Ältestenrat, macht dich zum Weisen, Magier, Propheten, Patriarchen. Zugleich existiert die Überzeugung, dass Männer mit Bart handwerklich versiert sind, und das vielleicht mit Recht. Sie sind möglicherweise sogar die besseren Liebhaber, zumindest nach eigener Einschätzung.
Ich ließ mir also einen Bart wachsen und spürte, wie jedes einzelne Haar hervorsprießt. Ich war froh; selbstbewusst schritt ich umher, spazierte herum, hielt das Kinn unwillkürlich höher als sonst, ließ den Bart mir vorangehen. Vielleicht lag gerade darin mein Fehler: Der Bart wurde übermütig und nicht nur immer voluminöser, sondern auch immer wichtiger. Er beanspruchte Raum, Zeit, Fürsorge. Ich glaubte ihn zu streicheln, nicht weil es mir gefiel, sondern weil er es verlangte. Ich wusste nicht mehr, ob ich ihn beim Lachen schüttelte oder er mich. Viele Menschen bemerkten zuerst den Bart – und mich, wenn überhaupt, erst später als ein zu duldendes Anhängsel. Er war derjenige, den man grüßte, ansprach, umwarb, während ich hinter seiner Imposanz zurücktrat.
Nach und nach konnte ich das Wuchern des Bartes immer weniger kontrollieren. Ich ging zum Barber. Er kämpfte, ein Herkules, mit dem Schwert seiner kleinen Klinge, tapfer sich dreinschickend in die Tragik der Vergeblichkeit, denn für jedes abgetrennte Haar trieben zwei neue hervor, gleich den Häuptern der Hydra. Er schrubbte, striegelte, zupfte und stutzte, effilierte, epilierte, ja ondulierte sogar – und kapitulierte.
Um den Bart zu schwächen, hörte ich auf, ihn zu pflegen, ernährte mich fast ausschließlich von Kohlenhydraten und verhärtete mein Herz gegen ihn. Doch die mangelnde Pflege machte ihn bloß struppiger, sodass sich nunmehr Stoppeln und kleine Nester bildeten; auf das Eiweiß verzichtete er bereitwillig, und mein Herz war ihm schlichtweg egal. Je mehr ich ihn auszuhungern versuchte, desto stärker zehrte er an meinen Reserven. Ich magerte zusehends ab, verlor Kraft und Antrieb.
Eines Morgens beschloss ich, mich durch einen Waldspaziergang zu stärken und zugleich zu ventilieren, welche radikaleren Schritte im Kampfe mit meinem Widersacher zu unternehmen sind. Doch bevor ich einen vernünftigen Gedanken fassen konnte, verfing sich mein Bart im Gestrüpp, ich stürzte, stieß mir den Kopf und fiel in Ohnmacht.
Als ich zu Bewusstsein kam, fühlte ich mich auf wundersame Weise erholt. Ich bemerkte ein ungewöhnliches filzig-faseriges Gewächs, eine Moosflechte oder vielleicht ein totes haariges Tier. Ich neigte mich vor und mir dämmerte, dass es sich um nichts anderes handeln konnte als um meinen Bart: Er hatte neuen Nährboden gefunden und Wurzeln geschlagen.
Seither wächst der Bart ohne mich. Ich bin froh, dass unsere unheilvolle Verbindung ein glückliches Ende gefunden hat, sowohl für mich als auch für ihn. Manchmal komme ich vorbei, um ihn zu kämmen. In seinen Nestern haben inzwischen Vögel ihren Platz gefunden, und die Stoppeln sind zu beerenartigen Früchten herangereift, über deren Verzehrbarkeit ich jedoch nichts weiß: Vielleicht sind sie giftig oder, da sie von einem Bart abstammen, noch nicht einmal koscher. Ich bin zwar nicht gläubig – aber was sollen die Leute von mir denken?
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1189410.ezzes-von-estis-der-bart.html