An den bekannten Straßenkiosken am geschichtsträchtigen Syntagma-Platz (Platz der Verfassung) prangen auf den Titelblättern der griechischen Wochenendzeitungen großformatige Bilder von überfüllten Plätzen. Die »Zeitung der Redakteure« titelt ihre Ausgabe mit einem einzigen Wort: »Sauerstoff!«. Die Rollläden am Fünf-Sterne-Hotel Grand Bretagne sind wieder hochgezogen und der Betrieb auf den Straßen wieder im vollen Gange. Auf dem Bürgersteig liegen noch Marmorstücke und Flugblätter – Überreste einer Straßenschlacht.
Laut vielen Kommentatoren waren es die größten Versammlungen seit dem Widerstand gegen die Militärdiktatur. Beim Generalstreik am 28. Februar fanden an mehr als 300 Orten in ganz Griechenland Versammlungen statt. Zudem kamen an gut 115 Orten außerhalb Griechenlands – von Melbourne bis New York – Griech*innen zusammen. Allein in Athen gingen bis zu 400.000 Menschen auf die Straße. Die Drohnenaufnahmen gingen um die Welt – ebenso wie die Bilder von Molotowcocktail-Angriffen schwarz gekleideter Jugendlicher auf das griechische Parlament.
Am Tag des Generalstreiks herrscht im Athener Stadtteil Peristeri beinahe gespenstische Stille für einen Freitagmorgen. Vor Schulen und in Parks hängen zahlreiche Transparente mit der Aufschrift »Wir vergessen nicht – Tempi 28-2-2023«. An der Metrostation des Viertels drängen sich Menschen aller Altersgruppen in die bereits volle U-Bahn. Im Stadtkern angelangt, ist der Weg durch die Menge zum Parlament zunächst kaum möglich, bis eine Reihe an Entschuldigungen samt Verweis auf die Kamera den Durchgang für Medienvertreter erleichtert.
Mit Blick auf das Parlament steht die 17-jährige Schülerin Amalia zusammen mit zwei Mitschülern. Sie halten ein Transparent mit der Aufschrift: »Wir brauchen Sauerstoff!« Amalia ist heute hier, um zu protestieren, »damit so etwas nicht wieder passiert. Mit «so etwas» meint sie die größte Zugkatastrophe in der griechischen Geschichte, die sich vor genau zwei Jahren in Tempi ereignete. «Viele Opfer waren Studenten und Studentinnen, oft nur 20 Jahre alt. Es waren fast noch Kinder, die Familien hatten, die Mütter und Großmütter hatten, die Väter und Großväter hatten.»
Nach Gutachterberichten starben einige der insgesamt 57 Opfer nicht durch den Zusammenstoß, sondern an Sauerstoffmangel infolge des Brands des Güterzugs. Notrufaufzeichnungen belegen, dass Eingeklemmte über fehlenden Sauerstoff klagten. Die Gutachter zeigten, dass dieser Mangel direkt durch die Explosion verursacht wurde – ein Befund, der besonders brisant ist, da die Regierung zuvor bestritten hatte, dass es einen Waggon mit hochentzündlichen Chemikalien gegeben habe. Amalia war bereits Ende Januar auf der Straße als die Bewegung mit Hunderttausenden Menschen ihren vorläufigen Höhepunkt fand.
Das Gespräch mit Amalia dreht sich schnell um das Leben als junger Mensch in Griechenland: Die «700-Euro-Generation» entstand nach der Staatsverschuldungskrise 2009, als viele in schlecht bezahlten und prekarisierten Jobs landeten. Im Namen international auferlegter Sparmaßnahmen wurde eine Zertrümmerung der sozialen Strukturen organisiert, die jeden Bereich des Lebens berührte.
Obwohl die Regierung des rechtskonservativen Kyriakos Mitsotakis[1] längst das Ende der Krise und die «Rückkehr zu den Märkten» verkündet hat, ist davon bei den Menschen laut dem 20-jährigen Studenten Kostas Arvanitis nichts angekommen. «In Griechenland gibt es kein Leben. Es ist schrecklich. Noch schrecklicher ist es, etwas Schlechtes zu beschönigen – das ist kein Leben. Die meisten, die ich kenne, verlassen das Land, weil es hier einfach unmöglich geworden ist.»
Die Inflation hat die Kaufkraft weiter ausgehöhlt, während Sozialleistungen wie Renten und Sozialversicherungen am Boden liegen. Junge Menschen haben kaum die Möglichkeit, eine Familie zu gründen oder ein eigenes Zuhause zu finden. Die Auswanderung bleibt, wie so oft in der Nachkriegszeit Griechenlands, die einzige Perspektive.
Auf dem Syntagma-Platz war nicht nur die «verlorene Generation» unterwegs. Giorgos Augoustou, 47, beklagt, dass es die Politik auch Kleinunternehmern wie ihm im Baubereich nicht leicht macht. «Durch die hohen Steuern schaffen wir es nicht, unseren Mitarbeitern Löhne zu zahlen, die angemessen wären. Das Geschäftsklima für uns Kleine ist weiterhin toxisch und profitieren tun vor allem die Großen.» Seiner Meinung nach ist an diesem Tag ganz Griechenland auf der Straße – egal ob links, rechts oder in der Mitte, ob Arbeiter oder arbeitslos, ob gewerkschaftlich organisiert oder nicht.
In den vergangenen Tagen war das Wort «Destabilisierung» das Hauptinstrument der Regierungskommunikation. Die Polizeikräfte wurden in den vergangenen Jahren massiv aufgestockt und besser ausgerüstet. Die Niederschlagung von Protesten ist zu einem Markenzeichen der Herrschaft von Mitsotakis geworden: schwer bewaffnete Überfallkommandos und Massenverhaftungen sind längst zur Norm geworden.
Das größte Problem – und zugleich vielleicht die größte Chance der Bewegung – ist, dass es keine ernstzunehmende parlamentarische Opposition gibt. Die einst erfolgreichste Linkspartei Europas, Syriza[2], ist mittlerweile in fünf Parteien zersplittert. Die ehemalige Syriza-Parlamentspräsidentin Zoe Konstantopoulou, die als Juristin an der Seite der Angehörigen der Opfer steht, könnte mit ihrer Partei «Kurs der Freiheit» am ehesten profitieren. Die Atmosphäre ist so angespannt wie seit den Krisenprotesten der 2010er Jahre nicht mehr – die Bewegung kann der Beginn einer neuen Welle des Massenwiderstands sein. Ob wegen Überwachungsskandalen gegen Journalisten oder schlechtem Katastrophenmanagement – die Regierung liefert massenhaft Gründe für Proteste.