Nächsten Eintrag lesen: 6.3.2025 – Kein Zutritt ohne Weste[1]
3. März 2025: Die auf Booking.com angezeigten Unterkünfte in Ramallah waren dunkel oder existierten nicht. Deshalb habe ich erstmals ein Hotel genommen. Jaffa Street. Was mache ich hier in der Westbank? Gaza war doch mein Thema – auch, um meinen Freund Deeb, seine Mutter Rola und seinen verletzten Sohn Qais zu unterstützen. Doch das Thema liegt jetzt in einem Krankenhaus hinter Kairo in Ägypten.[2] NGO-Superpowerfrau wusch mir den Kopf: Ich solle das den Profis überlassen. Die kaufen die nötigen Hilfsmittel von Spenden und bringen sie direkt hin. Bitteres Loslassen.
Jetzt fahre ich stattdessen ins neue »Mini-Gaza«, wie R. sagt, als er mich in der Früh abholt. Was weiß ich von der Westbank?! Dass Israel vor allem auf Druck der rechtsradikalen orthodoxen Parteien seit Januar (Operation »Iron Wall«) auch in den Flüchtlingslagern von Tulkarem und Jenin nach Hamas und anderen Terroristen fahndet. Dass dabei mittlerweile auch Zigtausende Zivilisten vertrieben wurden. Unfassbare Kollateralschäden.
Nach Jenin also. Vor dem Fenster fliegt das hügelige Westjordanland vorbei. Der so offensichtliche Kontrast der Hügel: wie aus dem Boden ragende Planeten von unterschiedlicher Beschaffenheit und Lebensform. Die Siedlerbauten überziehen die weichen Hügel wie ein Schuppenpanzer. Gleichförmig, effizient. Die palästinensischen Siedlungen wirken verwobener in organischem Chaos. Würde jemand aus der Vergangenheit, der Zeit des Osloer Abkommens in den 90er Jahren zum Beispiel, in die Aktualität katapultiert und sähe diese Diversität, er würde vielleicht denken, nicht nur die Besatzung sei überholt, auch Grenzen hätten sich in der Zukunft erübrigt. Dabei sind sie einfach nur bizarr. Wünsche mir keine Grenzen oder klare.
War neulich total verloren, als ich mit dem Bus in den äußersten Winkeln Jerusalems herumfuhr, Google-Maps aber behauptete, ich sei in der Westbank. Möglicherweise folgt Google den vereinbarten Grenzen des Osloer Abkommens, Israel aber nicht? Und manchmal (noch verwirrender) stört die israelische Armee die GPS-Signale: Wenn man zu dicht an den Territories ist. Das Signal ist dann nicht weg, aber Google-Maps schnippt das »Dein-Standort-Fadenkreuz« schwindelerregend weit weg und behauptet, man sei in Amman, der Hauptstadt Jordaniens. Wo stehe ich?
Fahrt im Auto mit israelischem Kennzeichen vereinfacht vieles. R. ist Palästinenser, war für die US-amerikanische Botschaft tätig (Security und Guide), hatte irgendwann genug, arbeitet jetzt als Fahrer für Journalisten.
Die Grenzen, die Road 60, Leitplanken, Beton – alles wirkt immer massiver. »In die Leitplanke crashte vor Kurzem ein 20-jähriger Palästinenser rein, weil die Bremsen seiner sehr alten Karre versagt hatten«, sagt R. Die Polizei interpretierte den Unfall als Terroranschlag und habe den »Jungen« erschossen.
»Könnte es einer gewesen sein?«, frage ich, denn sofort ploppen auch in meinem Hirn Autos auf, die in Menschenmengen fahren.
»Das wäre dann ein Anschlag auf eine Betonleitplanke gewesen«, sagt R.
Was bleibt hängen im Fahrtwind? Rechter Hand eine neue Siedlung, wenige Baucontainer und ein Strommast, Kontrollpunkte. Olivenbäume, deren Früchte nicht geerntet wurden. Ein junger Siedler mit Kippa und langen Schläfenlocken, der am Wegesrand trampt.
»Vielleicht hätten wir den mitnehmen sollen. Wer weiß, vielleicht wäre ja ein Gespräch möglich?«
»Ein israelisches Kennzeichen, und dann entpuppt sich der Fahrer als Araber? Der hätte uns erschossen!«, sagt R.
»???«
»Der hätte gedacht, er wird gekidnappt und hätte uns in Notwehr erschossen.«
Wie verfahren die Situation in diesem Konflikt ist, begreife ich langsam.
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