Kurz vor 18 Uhr, auf der Bühne des Mojo-Clubs auf der Hamburger Reeperbahn sitzen viele Fotograf*innen und Kamerateams, um auf der Wahlparty der Linken[1] Bilder des ersten Jubels einzufangen. Vor ihnen stehen aktuelle und wohl auch künftige Abgeordnete der Hamburgischen Bürgerschaft, bunt gemischt mit anderen Aktiven aus der Partei. Dann baut sich das Säulendiagramm der ersten Ergebnisprognose zur Bürgerschaftswahl[2] auf: 33,5 Prozent für die SPD, 19,5 für die CDU, bei 17,5 Prozent liegen die Grünen.
Dann folgen 11,5 für Die Linke, und jetzt fliegen sie hoch, die roten Ballons, auch Konfetti, und die Jubelschreie übertönen alles andere. Es ist eine Mischung aus Freude und auch Erleichterung auf den Gesichtern der Partygäste zu sehen. Dann der Wert der AfD: 8,5 Prozent. Das ist mehr als 2020, aber weit weniger als befürchtet. »No AfD«-Sprechchöre branden auf. Dann die FDP – 2,3 Prozent, überrundet von Volt mit 3 Prozent, unterboten vom BSW mit 2,1 Prozent. Die restlichen acht Parteien und Wählervereinigungen kommen zusammen auf 2,1 Prozent – dahinter verbergen sich etwa die Tierschutzpartei und die lokale Abspaltung von der Linken, »Die Wahl«.
Heike Sudmann[3] und Cansu Özdemir, stellvertretende und Fraktionsvorsitzende in der Bürgerschaft, gratulieren allen Aktiven: »Wir waren in Stadtteilen an den Haustüren, wo keine andere Partei hingeht«, sagt Özdemir. Und Sudmann verspricht: »Wir werden weiterhin die Stimme der sozialen Opposition sein!« Zugleich räumt sie ein, sie sei skeptisch gewesen, als Jan van Aken, damals noch nicht Parteivorsitzender, im August auf dem Sommerfest der Hamburger Linken ausgerufen habe, zwölf Prozent seien doch ein gutes Ziel der Linken für die Hamburger Bürgerschaftswahl. Nun aber komme das Ergebnis tatsächlich in die Nähe dieses Wertes.
Van Aken feiert als Hamburger vor Ort mit. Im Gespräch mit »nd« verrät er später, wie er damals auf die zwölf Prozent gekommen ist: Zehn Prozent habe die Linke in Hamburg im Juni bei den Europawahlen bekommen, bei den gleichzeitigen Hamburger Bezirkswahlen sogar noch mehr, neun Prozent bei der letzten Bürgerschaftswahl – da seien zwölf Prozent mit einem engagierten Wahlkampf zu schaffen.
Sabine Ritter, zusammen mit Thomas Iwan Hamburger Landessprecherin der Linken, erklärt gegenüber »nd«, was alles an positiven Punkten zusammengekommen sei: Zuerst die Trennung von Sahra Wagenknecht und Anhängern, dann die klare Orientierung auf die Themen Mieten und Verkehr, die erfolgreiche gezielte Ansprache junger Wähler*innen besonders durch Heidi Reichinnek, die Spitzenkandidatin zur Bundestagswahl, und zusätzlich der Haustürwahlkampf.
»Diese Partei ist heute eine andere als vor einem Jahr, und wir werden nicht nur in der Bürgerschaft klare Kante zeigen, sondern auch in der Stadtgesellschaft!«
Sabine Ritter
Linke-Landessprecherin in Hamburg
Iwan betont, die Kritik aus dem Wagenknecht-Lager und später aus deren BSW, dass Die Linke angeblich zu »woke« sei, werde durch das Wahlergebnis widerlegt: Es gehe zusammen um progressive Politik, auch um feministische. Und dann hatte er plötzlich ein Diagramm auf dem Handy: Über 30 Prozent der Frauen im Alter von 16 bis 24 haben in Hamburg für Die Linke gestimmt.
Auch das Publikum hier im Mojo-Club ist deutlich jünger und weiblicher als bei früheren Wahlpartys. Dann wird eine Tafel eingeblendet: »Wir sind 4627 Mitglieder im Landesverband Hamburg.« Sabine Ritter verspricht von der Bühne: »Diese Partei ist heute eine andere als vor einem Jahr, und wir werden nicht nur in der Bürgerschaft klare Kante zeigen, sondern auch in der Stadtgesellschaft!«
Die beiden Noch-Abgeordneten der Linken, Sabine Boeddinghaus und Norbert Hackbusch, die in Rente gehen, feiern wie die bereits früher in den Bürgerschafts-Ruhestand gegangene ehemalige Abgeordnete Christiane Schneider vorne mit vor der Bühne. »So fällt mir der Abschied leichter, mit diesem tollen Ergebnis«, freut sich Boeddinghaus, und Hackbusch meint: Er bleibe ja im Landesvorstand und sei immer ansprechbar – gerade wenn es um seine bisherigen Themen geht wie den Cum-Ex-Skandal rund um die altehrwürdige Hamburger Privatbank Warburg oder um die Teilprivatisierung der Hafengesellschaft HHLA.
Das Hamburger Wahlrecht mit Panaschieren und Kumulieren ist kompliziert auszuzählen. Deshalb war am Montag tagsüber auch noch nicht klar, ob es Kay Jäger in die Bürgerschaftsfraktion geschafft hat: Der Hafenarbeiter ist bei der teilprivatisierten HHLA beschäftigt. Applaus brandet auf, als die Mandatszahl der Fraktionen geschätzt wird. Auf 15 Abgeordnete oder mehr wird Die Linke wohl kommen. Damit ist eine bessere Aufstellung möglich als mit 13 Abgeordneten. In dieser Stärke konnte Die Linke 2020 ins Parlament des Stadtstaates einziehen. Im vergangenen Jahr schrumpfte ihre Fraktion auf zehn Mitglieder, nachdem ein Abgeordneter zum BSW und zwei zu »Die Wahl« übergetreten waren und ihre Mandate mitgenommen hatten.
Auffällig beim Gesamtwahlergebnis: Die Linke, die laut dem Ergebnis der »vereinfachten Auszählung« vom Montag auf 11,2 Prozent kommt, profitierte vor allem davon, dass sich ihr frühere Grünen-Wähler*innen (10 000) zuwandten. Aus dem Nichtwählerlager konnte sie 5000 Menschen für sich gewinnen. Dagegen entschied sich das Gros derer, die bei der letzten Bürgerschaftswahl noch für die SPD gestimmt hatten, nun für die CDU (23 000). Eine Wählerwanderung von den Sozialdemokraten zur Linken gab es nicht. Zugleich schaffte es Die Linke, in vier Innenstadt-Wahlkreisen stärkste Kraft zu werden. Im Wahlkreis Kleiner Grasbrook/Steinwerder erhielt sie gar 52,8 Prozent der Stimmen.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1189465.buergerschaftswahl-hamburgs-linke-auf-rner-wolke.html