Es war eine anrührende Szene: Als das belgische Unterhaus am Ende der vergangenen Woche einstimmig eine Resolution verabschiedet hatte, in der das Parlament Ruanda für die Unterstützung der Rebellenmiliz M23 verurteilt, trat Pierre Kompany von der Regierungspartei Les Engagés ans Mikrofon[1]. Der 77-Jährige stammt ursprünglich aus dem Osten Kongos, mit brüchiger Stimme dankte er den Abgeordneten: »Ich kämpfe mit den Tränen«, sagte er und erinnerte an die Gräueltaten der M23, an bestialisch getötete Kinder und in Löchern verscharrte Zivilisten. Es sei an der Zeit, den Slogan »Visit Rwanda« (Besuchen Sie Ruanda!) zu überdenken: »Besuchen Sie nicht Ruanda! Besuchen Sie Kongo!«, forderte Kompany.
Mit besonderer Aufmerksamkeit sind Kompanys Äußerungen vermutlich auch beim FC Bayern München vernommen worden. Dort wirkt nämlich Kompanys Sohn Vincent als Cheftrainer. Und, was viel schwerer wiegt: Dort läuft seit 2023 regelmäßig Werbung für Ruanda über die LED-Banden der Arena. »Visit Rwanda[2]«, das staatliche Fremdenverkehrsamt Ruandas, ist seit anderthalb Jahren »Platin Partner« bei Deutschlands reichstem Fußballklub.
Dabei ist München nicht der einzige Champions-League-Klub, der Millionenbeträge mit Tourismuswerbung für Ruanda einnimmt. Auch der FC Arsenal aus London und Paris St. Germain verdingen sich für »Visit Rwanda«. Thérèse Kayikwamba Wagner, Außenministerin der Demokratischen Republik Kongo, hatte kürzlich deswegen an alle drei Klubs appelliert[3], die »blutbefleckten« Sponsoringverträge mit Ruanda zu beenden. Denn das Nachbarland sei verantwortlich für 700 000 Flüchtlinge und Tausende Tote im Ostkongo.
In München protestierten zuletzt auch die sehr aktiven Anhänger mit Spruchbändern im Stadion. Nicht zuletzt deswegen hatte Bayern-Vorstandschef Jan-Christian Dreesen schon vor drei Wochen angekündigt, Mitarbeiter in die ruandische Hauptstadt Kigali zu entsenden und das Engagement gemeinsam mit dem Vertragspartner Rwanda Development Board zu prüfen. Doch wie der Besuch verlaufen ist, ist nicht herauszubekommen. Der FCB hält sich seither bedeckt: Zwei »nd«-Anfragen zum Thema Ruanda ließ der Klub bis Montagnachmittag unbeantwortet.
»Visit Rwanda« indes wird sich ab Dienstag in der Berliner Messehalle 21 auf der Internationalen Tourismusbörse groß präsentieren. Seit mehreren Jahren setzt der 14-Millionen-Einwohnerstaat verstärkt auf Tourismus. »Ruanda hat beschlossen, das Wirtschaftswachstum vor allem im Dienstleistungssektor und im Tourismus anzukurbeln«, sagt Ciaran Wrons-Passmann vom Ökumenischen Netz Zentralafrika [4](ÖNZ) e.V. Die NGO setzt sich für den Frieden, den Schutz der Menschenrechte und eine gerechte Rohstoffpolitik in der Region der Großen Seen ein, die insbesondere Burundi, die Demokratische Republik Kongo und Ruanda umfasst. »Das Land ist sehr erfolgreich als Ausrichter internationaler Konferenzen und Meetings. Und die Berggorillas ziehen sehr zahlungskräftige Privatreisende an.« Die Hotels in Kinigi im Norden Ruandas zählten zu den teuersten weltweit, so der NGO-Vertreter, 2000 Euro pro Nacht seien durchaus übliche Preise in den dortigen Edelherbergen und Luxus-Lodges. Die Fifa hielt 2023 ihren Kongress im Convention Centre[5] der Hauptstadt Kigali ab.
Nicht wenige mutmaßen, dass Teile der Tourismus-Einnahmen indirekt der Rebellenmiliz M23 zugutekommen. Doch dies ist nur eine Vermutung: »Die Finanzierung von Ruandas Militäreinsätzen ist nicht transparent«, so ÖNZ-Geschäftsführer Wrons-Passmann. Außer in die Fußballklubs investiert »Visit Rwanda« auch in Basketball und im Radsport Millionenbeträge, eine Formel-1-Strecke ist angedacht.
Allerdings wächst durch das Sportwashing des kleinen Staates am Kivusee auch die weltweite Aufmerksamkeit für den Konflikt im Ostkongo. Als unlängst die Straßenradprofis bei der Tour du Rwanda über sieben Etappen durch das Land rollten, fehlte das belgische Team Quick-Step wegen Sicherheitsbedenken. Ende September steht die Straßenrad-WM in Kigali[6] an, unlängst kursierten Gerüchte, der Weltradsportverband UCI erwäge eine Verlegung der ersten afrikanischen WM in die Schweiz. Doch UCI-Präsident David Lappartient dementierte: »Es gibt keinen Plan B.«