Mit großer Neugier wird auf das System und die taktische Herangehensweise vorausgeschaut, die die nunmehr siebte Begegnung des Leverkusener Trainers Xabi Alonso mit dem FC Bayern München[1] bringen könnte. Verloren hat der spanische Fußballlehrer noch nie gegen den Rekordmeister, auch weil er diese Begegnungen fast immer mit erstaunlichem Erfolg zu Trainerspielen[2] machte. In der Vorsaison überraschte er Thomas Tuchel mit einer aus vier Innenverteidigern bestehenden Abwehrkette und gewann mit 3:0. Im DFB-Pokal überließ er diesmal den Bayern trotz Überzahl den Ball, seine Mannschaft ermauerte einen 1:0-Sieg[3]. Zuletzt erdrückten die Leverkusener die Münchner beim 0:0 in der Bundesliga derart effizient, dass Joshua Kimmich, Harry Kane und Jamal Musiala in 90 Minuten keinen einzigen kontrollierten Spielzug durch das Mittelfeld hinbekamen.
Auch der langjährige Leverkusener Kapitän Jens Nowotny ist gespannt, welche Trainerkniffe sich Alonso für das Achtelfinalhinspiel in der Champions League[4] am Mittwoch in München einfallen lässt. Und er freut sich auf die Fachgespräche, die er am Donnerstag auf der DFB-Trainertagung zum Duell zwischen Alonso und dem Münchner Kollegen Vincent Kompany führen wird. Allerdings glaubt Nowotny, der inzwischen zum Trainerstab des deutschen U15-Nationalteams gehört, nicht, dass Systeme und Strategien den Weg ins Viertelfinale ebnen werden. »Man muss aufpassen, dass man sich nicht in der Taktik verliert«, meint Nowotny, »denn es gibt einen Spieler auf dem Platz, der diese Achtelfinalspiele entscheiden wird: Florian Wirtz.«
Es mag Bayern-Fans und Anhänger von Jamal Musiala geben, die das anders sehen, aber vieles spricht dafür, dass Wirtz derzeit tatsächlich der einflussreichste Profi der Bundesliga ist. Ein Fußballer, der vielleicht noch nicht bei einem Weltklasseklub, dafür aber konstant auf Weltklasseniveau[5] spielt. »Er ist ein großes Geschenk«, findet Alonso. »Was er macht, ist Kunst auf hohem Niveau«, ergänzt Leverkusens Kapitän Lukas Hradecky. Fast jede seiner Aktionen hat irgendeinen kleinen besonderen Schnörkel, ist umweht von einem Zauber, von einer Schönheit, die nie Selbstzweck, sondern immer sinnvoll ist.
Was Wirtz als Fußballer aber wirklich einzigartig macht, erklärt Granit Xhaka: »Er ist ein Zehner, aber mit der Mentalität eines Sechsers.« Andere Weltklassespieler wie Lionel Messi, Cristiano Ronaldo oder Kylian Mbappé investieren ihre Energien eher ungern in die Defensive, sie verteidigen aus Pflichtbewusstsein oder weil sie verstanden haben, dass damit Siege in großen Spielen wahrscheinlicher werden. Wirtz hingegen ist gesegnet mit Technik, Ideenreichtum, künstlerischer Intuition und Leichtfüßigkeit, zugleich hat er aber echte Freude daran, das eigene Tor zu verteidigen. »Ich versuche, jemand zu sein, auf den die Mannschaft sich verlassen kann«, sagt er in der jüngsten Ausgabe des Vereinsmagazins. »Eine meiner großen Qualitäten ist, dass ich viel laufen kann, auch in schnellem Tempo. Ich habe einfach die körperlichen Voraussetzungen, um in viele Zweikämpfe zu kommen.«
Laut Statistik hat Wirtz während der laufenden Bundesligasaison die meisten Zweikämpfe gewonnen: 334. Auf Rang zwei folgt Mönchengladbachs Tim Kleindienst mit einem Wert von 283. Auch wegen dieser Stärke ist Wirtz gleich in seiner ersten Saison als Champions-League-Spieler zu einer prägenden Kraft in diesem Wettbewerb geworden. In den acht Partien der Gruppenphase hat er fünf Tore geschossen und ein weiteres vorbereitet, fünfmal wurde er zum »Man of the Match« bestimmt.
Zudem hat er wertvolle Erfahrungen gesammelt. Zum Beispiel bei der 0:4-Niederlage in Liverpool, als er zu viel wollte und seine Leichtigkeit verlor. Oder als Bayer mit 1:2 bei Atletico Madrid unterlag und Wirtz sich in eine persönliche Auseinandersetzung mit Gegenspieler Rodrigo de Paul verwickeln ließ. Aber solche Erlebnisse saugt er auf. »Ich glaube, dass ich schon in der zweiten Halbzeit in Madrid aus der ersten Halbzeit gelernt habe«, sagt er. »Ich muss mich auf meine Dinge konzentrieren.« Auch das ist ein großes Talent dieses Fußballers, der auf dem Transfermarkt mit dreistelligen Millionensummen in Verbindung gebracht und schon mit den größten Stars der Geschichte verglichen wird.
Doch irgendwie ist der Sohn einer Familie mit zehn Kindern, der von seinen Eltern beraten wird, immer auch noch der »Flo« geblieben. Derzeit deutet sogar vieles darauf hin, dass er trotz der Begehrlichkeiten der größten Klubs[6] der Welt seinen Vertrag in Leverkusen verlängert. »Man wird irgendwann etwas lesen, und dann weiß man Bescheid«, sagt er zu diesem Thema. Auch abseits des Platzes scheint Florian Wirtz ein Talent dafür zu haben, verblüffend einfache Lösungen für komplizierte Herausforderungen zu finden.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1189487.fussball-der-achte-versuch-des-fc-bayern.html