nd-aktuell.de / 04.03.2025 / Kultur / Seite 1

A dusty story

Das meiste, was an Hausstaub anfällt, sind unsere eigenen Hautschuppen. Wir putzen uns also regelmäßig selbst weg

Olga Hohmann
Wir alle werden irgendwann zu Staub. Romantisches Quatsch, wir sind es schon längst.
Wir alle werden irgendwann zu Staub. Romantisches Quatsch, wir sind es schon längst.

»Die Märchenerzähler haben sich nicht vorgestellt, dass Dornröschen von einer dicken Schicht Staub bedeckt erwachen würde; auch haben sie nicht an die düsteren Spinnweben gedacht, die mit der ersten Bewegung ihrer roten Haare zerrissen worden wären. Aber unaufhörlich dringen traurige Schichten Staub in die irdischen Behausungen ein und verschmutzen sie in einförmiger Weise: als ob es darum gehen würde, die Dachböden und alten Zimmer auf den bevorstehenden Eintritt von Heimsuchungen, Gespenstern und Larven vorzubereiten, die sich vom wurmstichigen Geruch des alten Staubes ernähren und sich an ihm berauschen.«

Das schreibt Georges Bataille und ich denke: Wusstet ihr, dass 90 Prozent des Hausstaubes, gegen den wir offiziell allergisch sind, Hautpartikel von uns selbst sind? Sind wir also allergisch gegen unseren eigenen sterblichen Abrieb, unser langsames uns auflösen, das Hand in Hand geht mit einem Neu-Werden. Man wird, ganz offiziell, Stück für Stück, ein neuer Mensch.

Frau Holle schüttelt die Daunendecken aus, sie verstreut sich selbst auf die Straße, es schneit Partikel vergangener Menschen.

Aber: Die Zellen erneuern sich nicht alle gleichzeitig, man weiß nie genau, welche Baustelle des Körpers als Nächstes bearbeitet wird.

„I need to get you out of my system“ sagt man, wenn man jemanden loswerden will, der einen verfolgt, auf die eine oder andere Art. Und das kann ganz buchstäblich gemeint sein. Nach ein paar Jahren ist kaum ein Hautpartikel (mit dem man sich einmal berührt hat) noch der selbe – man ist eine andere, man lebt in einer neuen Haut, einer Haut, die sich Stück für Stück erneuert hat, so buchstäblich organisch war der Prozess, dass man ihn kaum verfolgen konnte, im Spiegel. Eine unsichtbare Erneuerung. Der Rest von einem selbst landet im eigenen Schlafzimmer, unter der Bettdecke, die man aufgedeckt liegen lassen soll, nicht zugedeckt. Man niest, man nimmt Tabletten ein, die einen mit bleierner Müdigkeit erfüllen – man ist allergisch gegen sich selbst, gegen die, die man einmal war.

Und Georges Bataille ergänzt: „Wenn die Zimmermädchen, die für alles gut geeignet sind, sich allmorgendlich mit einem großen Staubwedel bewaffnen, sind sie sich vielleicht nicht ganz darüber im Unklaren, dass sie genauso wie die positivistischen Gelehrten dazu beitragen, schädliche Gespenster zu entfernen, die von Sauberkeit und Logik angewidert sind. Es ist wahr, dass früher oder später der Staub, der ja überdauert, wahrscheinlich anfangen wird, gegen die Bediensteten zu gewinnen, und dann in die ungeheuren Trümmer verlassener Gebäude und menschenleerer Lagerhäuser eindringt: Und in dieser fernen Zeit, wird nichts weiter Bestand haben, das uns vor dem nächtlichen Grauen rettet, in dessen Abwesenheit wir zu so großartigen Buchhaltern geworden sind“

Die Zimmermädchen, die für alles geeignet sind – schreibt Bataille.

Die uns vor dem Staub retten, davor, von uns selbst, unseren sterblichen Überresten, unseren Hautpartikeln überschwemmt zu werden.

Und ich gehe mit meinem Staubwedel aus Straußenfedern durch meine Wohnung und wische den Staub, von einer Seite zur anderen, ich wirbele ihn auf, ihn, das heißt, die Partikel, die mal Teil von mir waren, ein vergangenes Selbst, es glitzert in der Luft und legt sich woanders wieder ab. Ich niese. Ich nehme ein Antihistamin gegen die Hausstaballergie, die Allergie gegen mich selbst, und falle in einen tiefen Schlaf.

Wie Dornröschen, ein Hypersomniac, die staubige Langschläferin, bedeckt von sich selbst.

Staub wischen – unsichtbare Arbeit mit unsichtbarere Materie.

Dornröschen ist also ein Hypersomniac, das Gegenteil von einem Insomniac. Überzogen von einer dicken Staubschicht, wenn sie aufwacht, macht sie die feinsäuberlich über ihrem Kopf gewachsenen Spinnweben kaputt, die Spinnen, die sich jahrzehntelang eingerichtet hatten, verlieren ihr Haus, ihren Märchenpalast.

Rapunzel hat Flöhe – der Prinz, der an ihrem langen Haar nach oben klettert, kratzt sich den ganzen Tag – Rapunzel hilft ihm dabei, es ist ein Liebesspiel, sie kratzt und kratzt an seinem Rücken herum, es ist ein unendliches Spiel, das Jucken wird immer stärker, je stärker sie kratzt. Ist der „Itch“ einmal verschwunden, ist auch das Liebesspiel vorbei.

Die Prinzessin auf der Erbse hat Steuern hinterzogen und ist jetzt pleite.

Aschenputtel unterzieht sich einer schmerzhaften Schönheits OP – damit ihr später auch High Heels passen. Oder wie war das noch mal?

So oder so ähnlich verdrehen sich die Märchen im Traum, verdreht sich ihre mehr- oder weniger misogyne Erzählweise, verdreht sich in sich selbst. Nach so vielen Jahren Schlaf ist Dornröschen, wenn sie aufwacht, buchstäblich ein neuer Mensch, der aus neuen Zellen besteht. Die dicke Schicht Staub, die auf ihr liegt, ist der Überrest ihres eigenen Körpers, des Menschen, der sie mal war. Wir sind gleichermaßen im Werden, wie im Vergehen begriffen.