»Man wacht aus der Narkose auf und kann sich 30 Minuten später am Automaten einen Kaffee ziehen.« Brandenburgs Gesundheitsministerin Britta Müller[1] (für BSW) ist von dergleichen Segnungen der modernen Medizin berichtet worden. Ambulante Operation und noch am selben Tag nach Hause – es klingt verlockend für die Patienten. Wer liegt schon gern tagelang in der Klinik? Doch mit der umstrittenen Krankenhausreform wird es bundesweit künftig oft gar nicht mehr anders gehen.
»Veränderungen rufen immer auch Ängste hervor«, weiß Ministerin Müller. Aber das Gesetz hat den Bundesrat bekanntlich bereits passiert. Nur drei Rechtsverordnungen fehlen noch. Brandenburg hat die Reform kritisch gesehen, muss aber jetzt damit klarkommen. Ab diesem Dienstag soll bei Regionalkonferenzen in fünf Regionen des Bundeslandes beraten werden, wie es weitergeht.
Politikerin Müller dringt nach wie vor auf eine sogenannte 40-30-30-Lösung. Das soll besagen, dass der Bund 40 Prozent der Gelder aus Steuermitteln beisteuern soll, um die Reform zu stemmen. Die Länder sollen 30 Prozent aufbringen, und die restlichen 30 Prozent kämen aus den Beiträgen der Krankenversicherten. Es dürfe nicht sein, dass die Bundesländer und die Versicherten das allein schultern müssen, fordert Müller. Es ist alles sehr schwierig. Aber man müsse nach vorne schauen und gemeinsam das Beste aus der Situation machen, sagt die Ministerin am Montag.
Gemeinsam bedeutet in diesem Falle: Bei den Regionalkonferenzen werden die Krankenhäuser, die Krankenkassen, die Kommunen und auch die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi ins Boot geholt. Am Ende des Verständigungsprozesses soll Anfang 2027 ein neuer Krankenhausplan stehen. Nichts geändert wird an dem Ziel, alle Standorte für die Gesundheitsversorgung zu erhalten. Nur ihr Gesicht ändern werden viele und sich auf die eine oder andere Sache konzentrieren müssen.
Gemessen an der Wirtschaftsleistung habe Deutschland pro Kopf einerseits die höchsten Ausgaben für sein Gesundheitswesen, erinnert Ministerin Müller. Andererseits müssen Patienten oft lange auf einen Arzttermin warten. Sie müssen auch befürchten, dass Krankenhäuser schließen. Einzelne Abteilungen, insbesondere Geburtsstationen, sind bereits dichtgemacht worden[2]. »Unser Gesundheitswesen muss dringend reformiert werden«, ist Müller bewusst. Ohne Konzentration und ohne mehr ambulante statt stationäre Behandlung »wäre die flächendeckende Versorgung tatsächlich gefährdet«. Ein Weiter-so sei keine Option, meint Müller. »Ein Weiter-so mit einer Rundumversorgung an allen Standorten wäre mit den vorhandenen Fachkräften[3] nicht leistbar und würde zudem zu einer deutlichen Erhöhung der Krankenkassenbeiträge führen.«
»Dass es nicht schlechter wird, dass es anders wird«, verspricht Daniela Teichert, Vorstandsvorsitzende der AOK Nordost[4]. Für sie ist klar: »Die lebensrettende Akutversorgung im Krankenhaus werden wir insbesondere bei hochkomplexen Krankheiten wie dem Schlaganfall, dem Herzinfarkt und bei Krebserkrankungen stärker an weniger Krankenhäusern konzentrieren müssen.« Das habe Vorteile. Der Wichtigste davon: »Es ist erwiesen, dass damit die Überlebenswahrscheinlichkeit signifikant steigt.«
Das klingt logisch. Spezialisierte Kliniken können Spezialfälle besser behandeln. Doch ist es ebenso logisch, dass sich Fahrzeiten in dasjenige Krankenhaus verlängern, welches der Patient gerade braucht. Dass es anders werde, aber nicht schlechter, haben die Brandenburger schon vor so vielen Reformen gehört und nachher nicht bestätigt gefunden. Sie sind es müde, dergleichen zu hören. Bei Reformen dachte man früher vom Wortsinn her an Verbesserungen. Doch diese Wahrnehmung hat sich ins Gegenteil verkehrt.
»Ich bin traurig, dass es so gekommen ist«, sagt Detlef Troppens[5]. Der Vorstandschef der Landeskrankenhausgesellschaft hätte sich statt nur einer Krankenhausreform eine umfassende Gesundheitsreform gewünscht. Auch wenn einige Verbesserungen erreicht wurden, »die Kritik an diesem Gesetz bleibt«. Doch Troppes weiß auch: »Das Gesetz ist nun einmal da.« Mit Blick auf die geplanten Regionalkonferenzen sagt er: »Es muss allen Beteiligten klar sein, dass die Krankenhäuser die zentralen Anker der Gesundheitsversorgung im Land Brandenburg waren, sind und auch bleiben müssen.«
Catrin Steiniger von der hiesigen Kassenärztlichen Vereinigung ergänzt: »In einem geordneten Strukturwandel müssen ambulante Strukturen zunächst aufgebaut werden, bevor stationäre Kapazitäten abgebaut werden.«
Ministerin Müller spricht derweil von einer »stambulanten« Versorgung und meint damit eine Verzahnung von stationär und ambulant. Über Umstrukturierungen entscheiden müssen die Kommunen, Wohlfahrtsverbände und Konzerne, die Krankenhäuser betreiben. Das Land will ihnen aber mit Ratschlägen zur Seite stehen und will ihnen weiterhin eine Pauschale für Investitionen zahlen.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1189825.gesundheit-krankenhausreform-stambulante-behandlung.html