Es war wohl irgendwann Mitte der 2000er in West-Jerusalem, als ich meine erste Gruppe Deutscher kennenlernte. An einem Wintertag tauchten plötzlich etwa zehn große Männer und Frauen im Hof der linken WG auf, in der ich oft nach der Schule stundenlang mit meiner Gitarre herumhing. Sie waren zumeist blond, zumeist schwarz gekleidet – und grüßten die Anwesenden mit einem stark akzentuierten Shalom.
Es handelte sich um eine Delegation militanter Antifa-Aktivisten, die unbedingt den Austausch mit der Anarcho-Szene in Israel suchten. Vieles aus diesen Tagen ist mir inzwischen entfallen, aber neben dem unappetitlichen »Reis mit Scheiß«, den sie eines Abends gekocht hatten, blieben mir vor allem ihre beeindruckenden Geschichten über Massenschlägereien mit Nazis in Erinnerung. Die belesenen Genossen aus dem Ausland zeigten uns Videos von Demos und erklärten ihre Militanz mit der Überzeugung: Wer sich entscheidet, menschenverachtende Ideologien zu vertreten – egal ob arm oder reich, mit Schulabschluss oder bildungsfern –, sollte mit den härtesten Konsequenzen rechnen.
Damals fand ich ihre kompromisslose Haltung faszinierend – nicht so langweilig wie unsere auf Dialog basierte Friedensarbeit in Israel, wo es uns nie in den Sinn gekommen wäre, Rechtsradikale mit Steinen zu bewerfen. Unsere Nazis waren ja schließlich meist mit Pistolen bewaffnet und im Staatsapparat bestens vernetzt. Es war auch dieses Bild eines unapologetischen Antifaschismus, das mich kurz darauf nach Berlin zog. Doch in der Bundeshauptstadt angekommen, musste ich etwas irritiert feststellen, dass dieser moralische Anspruch widersprüchlicher war als gedacht.
Denn obwohl viele Antifaschisten arbeitslosen Dorfjungen mit rassistischen Tendenzen zurecht persönliche Verantwortung für ihr Handeln abverlangten, galt moralische Kritik an Multimillionären, die sich auf Kosten von Mensch und Natur bereicherten, doch irgendwie als problematisch. Erwähnte man sogar Gier und Eitelkeit solcher Menschen, stieß man schnell auf Ablehnung.
Das Argument, etwas verkürzt, war folgendes: Da der Kapitalismus als ein System verstanden werden muss, in dem Kapitalisten im Grunde gezwungen sind, Profit zu maximieren, sei die Anprangerung individueller Motive sinnlos. Solch eine personifizierte Kritik wäre Vulgärmarxismus und würde vielmehr dazu beitragen, die strukturellen Mechanismen der Ausbeutung zu verschleiern.
Noch problematischer sei, dass diese Form der »verkürzten Kapitalismuskritik« an rechte Narrative anschlussfähig sei, die zwischen einer vermeintlich »ehrlichen«, produktiven und national verankerten Wirtschaft einerseits und einer »unehrlichen«, spekulativen und internationalen Wirtschaft andererseits unterscheiden. Die Hetze der Nationalsozialisten gegen jüdische Kapitalisten dienten als historische Belege für diese Gefahr.
Solche Bedenken, vorgebracht von langjährigen Kreuzberger Autonomen, sind keineswegs leicht von der Hand zu weisen. Wie man jedoch konkret gegen den Kapitalismus als Ganzes vorgehen sollte, blieb unklar. Mit einem Transparent »Fight the System, not the Players« im Schwarzen Block mitzulaufen und sich Rangeleien mit der Polizei zu liefern, erschien mir jedenfalls nicht als eine überzeugende Strategie.
Mit der Zeit wurden jedoch Teile dieser Argumentation, die ursprünglich aus einer tiefen Ablehnung von Ausbeutungsverhältnissen stammte, paradoxerweise dazu genutzt, das Bestehende zu legitimieren. Insbesondere Akteure, die Diskriminierung und antidemokratische Tendenzen vor allem im Verhalten Einzelner auf der Straße oder online verorten, neigen dazu, Kritik an den Reichen und Mächtigen zu skandalisieren.
Ein Beispiel dafür ist die Amadeu-Antonio-Stiftung, die nach den G20-Protesten in Hamburg erklärte: »Feindseligkeit gegenüber Eliten kennt kein rechts und links.« Anetta Kahane, die ehemalige Vorsitzende dieses antirassistischen Vereins, in dem vor allem weiße Deutsche arbeiten, ging noch weiter und warf Teilen der US-amerikanischen »Black Lives Matter«-Bewegung ohne jegliche Belege vor, sie betrachte Jüdinnen und Juden »als personifizierte Vertreter*innen des Kapitalismus«. Doch anstatt für eine differenziertere Kapitalismuskritik zu werben, verteidigte Kahane letztlich das bestehende System mit der Behauptung, es habe »bisher noch kein Beispiel für eine liberale und offene Gesellschaft ohne Kapitalismus« gegeben.
Mittlerweile leben wir in einer anderen Welt. Die gleichen Multimilliardäre, die noch vor kurzem Diversitätsprogramme unterstützten und Regenbogenflaggen vor ihren Büros hissen ließen, haben sich nun in unglaublicher Eile um einen homophoben Rassisten geschart, um ihre Macht weiter zu festigen. Der reichste Mann der Welt zerstört eigenhändig staatliche Institutionen, die seine Geschäfte kontrollieren sollen, während er dem Hitlergruß wieder zu Popularität verhilft. Mit jedem Tag wird aufs Neue deutlich, wie demokratiegefährdend die Machtkonzentration in den Händen einer kleinen Elite ist, die sich zunehmend mit faschistischen Bewegungen solidarisiert.
In dieser vulgären Realität, die aus dem Schoß des Neoliberalismus hervorgegangen ist, erscheinen die Verhältnisse so klar und unverschleiert wie schon lange nicht mehr. Die zynische Bosheit der Geschäftsführer von Ölfirmen, Hetzmedien, Finanzinstitutionen, Rüstungsfabriken und Versicherungsunternehmen, die bereit sind, die Welt mitsamt ihren Bewohnern für ein paar Groschen zu zerstören, ist für alle sichtbar. Sie zu verachten und zu bekämpfen ist weder regressiv noch strukturell antisemitisch – ganz im Gegenteil. Die Beseitigung der Milliardäre – am besten natürlich, indem man ihren Besitz gewaltfrei mit Steuern und Enteignungen wegnimmt – ist unsere beste Überlebenschance und ein unerlässlicher Schritt hin zu einer Welt ohne Diskriminierung. Eat the Rich, oder sie werden uns alle auffressen.