nd-aktuell.de / 20.03.2025 / Wissen / Seite 1

Schwule Giraffen und lesbische Rennechsen

Auch beim Thema Sex und Geschlecht ist die Natur äußerst vielfältig

Jutta Blume
Giraffen zeigen häufiger homosexuelles als heterosexuelles Verhalten.
Giraffen zeigen häufiger homosexuelles als heterosexuelles Verhalten.

Das schwule Eselspinguinpaar »Sphen« und »Magic« im Aquarium von Sydney, das mehrmals erfolgreich Nachwuchs großgezogen hat, war weltberühmt. Entsprechend groß war die Anteilnahme an Sphens Tod im August 2024. Doch bis homosexuelle Pinguine zu Publikumslieblingen werden konnten, musste eine lange Zeit vergehen. Beobachtungen über gleichgeschlechtlichen Sex zwischen Pinguinen, die bei einer Antarktisexpedition von 1910 bis 1913 gemacht wurden, wurden in der anschließenden Veröffentlichung noch zensiert. Inzwischen ist über homosexuelles Verhalten im Tierreich einiges bekannt. So nehmen Verhaltensbiolog*innen an, dass Bonobos[1] Sex nutzen, um Konflikte in der Gruppe beizulegen. Das schließt gleichgeschlechtliche sexuelle Praktiken ein. Aber auch bei anderen großen Menschenaffenarten wird »queeres Verhalten« beobachtet, wie es Josh L. Davis nennt. Bei Giraffen sei Homosexualität sogar Mainstream, schreibt Davis. Und Mainstream heißt hier: In manchen Populationen waren über 90 Prozent der beobachteten sexuellen Interaktionen gleichgeschlechtlich.

Doch schwule und lesbische Tiere sind nur ein Aspekt der sexuellen Vielfalt, die der für das Natural History Museum London tätige Wissenschaftsautor Davis in seinem kürzlich auf Deutsch erschienenen Buch »Queer« beschreibt. Nach der Lektüre dieses mit Beispielen gespickten Buches erscheinen die heteronormativen Vorstellungen, die manche Menschen so äußern, nicht nur extrem beschränkt, sondern geradezu weltfremd. Die Tier- und Pflanzenwelt gibt sich nämlich nicht zufrieden mit lediglich zwei, und noch dazu unveränderlichen, Geschlechtsidentitäten.

Der Gemeine Spaltblättling bringt es auf 23 328 Geschlechter.

Die Weißkehlammer, ein unscheinbarer Singvogel, hat beispielsweise ein zweites Paar Geschlechtschromosomen[2] entwickelt und aus der Kombination der Geschlechtschromosomen ergeben sich nun quasi vier Geschlechter, die sich wiederum nur in bestimmten Kombinationen fortpflanzen können. Der Gemeine Spaltblättling, eine Pilzart, bringt es laut Davis’ Beschreibung auf 23 328 Geschlechter. Wobei man bei Pilzen von »Paarungstypen« spricht, wenn es um die sexuelle Fortpflanzung geht – etwas, was analog zu »männlich« und »weiblich« wäre, gibt es aufgrund der gleich großen Keimzellen nicht. Darüber hinaus können sich Pilze[3] auch asexuell vermehren.

Bei vielen Reptilien und Fischen ist die Ausprägung des Geschlechts abhängig von der Temperatur, bei der die Eier bebrütet werden. Aus Eiern von Meeresschildkröten, die in unter 29 Grad Celsius warmem Sand liegen, schlüpfen in der Regel Männchen, höhere Temperaturen lassen die Schildkröten weiblich werden. Ähnliches gilt für Krokodile und andere Echsen. Was nach sich zieht, dass der Klimawandel deren Geschlechterverteilung verändert.

Papageienfische schlüpfen in der Regel als Weibchen aus dem Ei, werden aber im Laufe ihres Lebens zu Männchen. Seltener kommen Arten vor wie der Mangroven-Killifisch, bei dem ein einziges Exemplar männliche wie auch weibliche Keimzellen hervorbringen kann und sich somit selbst befruchtet. Entwickelt hat sich diese Eigenart wohl daraus, dass die Killifische oft abgeschieden in winzigen Pfützen leben.

Und der Mangroven-Killifisch ist nicht die einzige Tierart, die gar keine*n Sexualpartner*in benötigt, um sich fortzupflanzen. Die New-Mexico-Rennechse kommt ausschließlich in weiblicher Form vor. Sie legt Eier, die aber nicht mehr befruchtet werden müssen, man spricht von Parthenogenese[4]. Sex untereinander haben die New-Mexico-Rennechsen trotzdem. Zur Parthenogenese fähig sind auch manche Haie, Vögel, Krokodile, Amphibien, Schnecken und Krebstiere.

Davis betont, sein Buch sei »kein Versuch einer Rechtfertigung für Queerness – ob bei Tieren oder anderweitig -, da dies keiner Rechtfertigung bedarf«. Es ziehe keine Vergleiche zwischen Tieren, Pflanzen und Menschen. Wenn jedoch Menschen mal wieder Verhaltensnormen für ihre eigene Spezies aus der Natur ableiten wollen, dann mag man ihnen all diese Beispiele an den Kopf werfen. Hauptsächlich hinterlässt »Queer« ein bewunderndes Staunen über die unglaubliche Vielfalt von Sexualität und Fortpflanzung auf diesem Planeten.

Josh L. Davis: Queer. Sex und Geschlecht in der Welt der Tiere und Pflanzen. Haupt 2025, 128 S., 19,90 €.

Links:

  1. https://www.nd-aktuell.de/artikel/1167130.bisexualitaet-die-luecke-im-diskurs.html
  2. https://www.nd-aktuell.de/artikel/1168000.intersex-awareness-day-immer-noch-keine-garantie-fuer-koerperliche-unversehrtheit.html
  3. https://www.nd-aktuell.de/artikel/1184180.speisepilze-pilze-weder-tier-noch-pflanze.html
  4. https://www.nd-aktuell.de/artikel/1180426.stachelrochen-und-haie-warum-koennen-tiere-sich-selbst-befruchten.html