Das erste Gefühl, wenn du aus einem hippen Berliner Innenstadtbezirk nach Marzahn-Hellersdorf[1] kommst, mag »Kasernenfeeling[2]«, mag Leben zwischen Türmen sein. Das hat aber nicht zuerst etwas mit dem Bezirk zu tun, sondern mit deinem Blick, mit deiner gewohnten Sichtweise. Bist du bereit, den Blickwinkel für etwas mehr Erkenntnis zu ändern? Dann hast du die Chance, etwas ganz anderes als die angebliche Tristesse und Ödnis, die Düsterheit und Hoffnungslosigkeit in dem östlichsten Bezirk der Hauptstadt zu sehen.
Wir standen 1988 – ein Jahr vor dem Ende der DDR – nebeneinander in der Schule. Alle waren irgendwie euphorisch. Ich freute mich sehr, dass wir aus unserer Lichtenberger Zweiraumwohnung, direkt an einer Haltestelle der Straßenbahn, hier hinausziehen sollten. Wir waren nicht die ersten Hellersdorfer, aber unsere Häuser waren gerade fertig geworden. Neben uns standen unsere Nachbarn, wie wir eine halbe Stunde später erfahren sollten, als wir zu unserer neuen Wohnung in die 6. Etage stiegen. Die Frau war nicht ganz so glücklich, aus der Kastanienallee in Prenzlauer Berg wegzuziehen. Auch meine Freundin fand es eher etwas stressiger als bisher mit dem jetzt weiten Weg zur Arbeit und dem Erfordernis, das Leben mit den Kindern hier zu organisieren. Wir waren Mitte 30 oder Mitte 40. Hellersdorf war der jüngste Stadtbezirk Berlins[3]. Man war schnell draußen im Brandenburgischen mit dem Fahrrad und andererseits schnell im Stadtzentrum mit der U-Bahn und der Straßenbahn, die bald nach unserem Einzug fertig wurde. Länger dauerte es, die Höfe trocken zu legen, da die Wohnhäuser auf Lehmboden standen. Für die Kinder gab das ideale Bedingungen zum Spielen im Matsch, wir Erwachsene fluchten oft.
Nach und nach begrünten der Stadtbezirk oder wir selbst die Straßen und Höfe. Wir leisteten sogenannte Aufbaustunden. Ich pflanzte damals Bäume an der Landsberger Allee, andere arbeiteten an den Wochenenden ehrenamtlich irgendwo beim Wohnungsbau. Die Zeiten wurden uns gutgeschrieben und nach einer festgelegten Anzahl von geleisteten Stunden hatten wir das Recht auf eine Wohnung erworben.
Wir zogen in eine Genossenschaftswohnung, waren damit von Anfang an Miteigentümer und hatten die Möglichkeit, in den Gremien der Genossenschaft mitzubestimmen. Das war von Vorteil, was die Mieten und die Betriebskosten betraf. Auch über die wahnwitzige Idee, die es nach der Wende gab, als Genossenschaft an die Börse zu gehen, wurde in der Vertreterversammlung abgestimmt – sie wurde mehrheitlich abgelehnt. Ich war kurze Zeit im Aufsichtsrat, meine Nachbarin war und ist bis heute Vertreterin.
Das Leben in Hellersdorf kenne ich weder trist noch öde. Aber es war wirklich ein Alltag vor und nach der Arbeit. Ihren Arbeitsplatz hatten die meisten Einwohner in anderen Bezirken Berlins. Ich arbeitete erst in der Senefelder Straße in Prenzlauer Berg und pendelte später lange Jahre[4] nach Oranienburg und schließlich nach Neuruppin. Das allerdings erst nach 1989. Unsere Kinder besuchten in Hellersdorf den Kindergarten und die Schule. Wir engagierten uns dort als Elternvertreter und nicht wenige von uns in Vereinen.
Ab 1989 war alles anders. Nicht wenige waren über Nacht einfach weg, um ihr Glück im Westen zu suchen. Eine gewisse Unbeschwertheit war vorbei. Die meisten Hellersdorfer und auch Marzahner verloren in den 90er Jahren ihre Jobs. Einige fanden schnell neue, viele blieben lange Zeit erwerbslos oder versuchten, sich in Leiharbeitsfirmen oder als Selbstständige irgendwie durchzuschlagen. Nicht wenige jedoch verfielen dem Alkohol und es gab auch die, die sang- und klanglos gingen, ihrem Leben selbst ein Ende setzten.
Im Niedergang begriffen waren plötzlich Dinge, die wir gewohnt waren und die viele geschätzt hatten: die Hausgemeinschaft, die soziale Sicherheit oder beispielsweise auch den Antifaschismus als Staatsdoktrin. Aber es war irgendwie auch ein vorerst noch spannender Neuanfang. Es lag schon so etwas wie Frische in der Luft. Auch in Hellersdorf gründeten sich neue Parteien, Verbände und Bündnisse. Wir hatten Spaß daran, uns ganz anders auszuprobieren, neue Erfahrungen zu sammeln.
Allerdings hatte diese Freiheit auch Schattenseiten. Plötzlich sah man wieder Nazis. Für Frust und Verlustängste fanden sich schnell vermeintlich einfache Lösungen: Schuld an allem waren zuerst die Ausländer, dann die Antifa oder die da oben. Anfang der 2000er Jahre entdeckte ich in einem Kiosk in Hellersdorf »Landser«-Heftchen mit den kriegsverherrlichenden Abenteuergeschichten deutscher Wehrmachtssoldaten. In diesen Heften wurde der Mythos der sauberen Wehrmacht propagiert, deren Agieren im Zweiten Weltkrieg verharmlost. Im Westen gab es diese Hefte seit den 50er Jahren. Jetzt also auch hier. Erst 2013 wurde der Vertrieb nach einer Verbotsdebatte eingestellt.
Dies war der Anlass, die Idee war schon lange in unserem Kopf: Wir erfanden das Fest »Schöner Leben ohne Nazis«, 2008 war die Premiere. Es war ein kämpferisches Straßenfest. Das Datum um den 1. September, den Weltfriedenstag, war bewusst gewählt. Es erinnerte an den Überfall Hitlerdeutschlands auf Polen im Jahr 1939. Das Fest wollte zeigen, wie bunt und interessant der Bezirk ist – nicht blöd und braun. Dieses Klischee war ziemlich schnell nach der Wende aufgekommen und es wurde und wird in den Medien gepflegt.
An diesem Fest, heutzutage organisiert vom Verein Roter Baum, beteiligen sich Vereine, Institutionen, Parteien, das Bezirksamt. Es gab Jahre, da war es sogar ein Berliner Event, zu dem Friedensinitiativen auch aus anderen Bezirken kamen. Die Besucher, Einwohner aus dem Bezirk mit und ohne Kinder, trinken Kaffee, essen Eis, kosten vietnamesische und russische Spezialitäten, verfolgen das abwechslungsreiche Bühnenprogramm. Oft begeistert ein Drachentanz die Leute. Es ist eine schöne Tradition.
In Marzahn-Hellersdorf leben schon lange viele Vietnamesen und Russen. Seit 2013 fanden auch noch viele Menschen aus weiteren europäischen Staaten, aus afrikanischen und arabischen Ländern im Bezirk ein neues Zuhause. Das Miteinander könnte einfach sein, ist es aber nicht. Leider sind oft kulturelle Unterschiede und die Unzufriedenheit mit dem eigenen Schicksal Grund für Auseinandersetzungen. Rechtsextreme schüren mit simpler Propaganda rassistische Vorbehalte und menschenverachtende Vorurteile. Das Bemühen der Zivilgesellschaft um ein freundliches Miteinander, das gibt es und es ist noch gewachsen. Dieses Engagement ist nicht unerheblich. Es gibt unter anderem ein Nachbarschaftsfest und seit 2014 das Bündnis für Demokratie und Toleranz Marzahn-Hellersdorf. Hier treffen sich verschiedene Organisationen und Interessenvertretungen und besprechen Alltagsprobleme, suchen Lösungen für ein lebens- und liebenswertes Marzahn-Hellersdorf.
Wenn du klein bist, noch in die Kita gehst, kann es passieren, dass deine Erzieher*innen mit dir in den Tierhof Marzahn gehen, wo es alle Haustiere zu bestaunen gibt, die du dir denken kannst. An den Wochenenden laden vor allem in den Frühjahrs- bis Herbstmonaten die Gärten der Welt ein. Auf einem ehemaligen Schuttberg angelegt, gleich neben einer Kleingartenanlage, waren diese Gärten schon vor 1989 ein Park. Jetzt sind sie ein Magnet für Berliner und ihre Gäste mit einer Schwebebahn als Höhepunkt.
Die politischen Farben im Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf wechseln. Im Berliner Abgeordnetenhaus Aufmerksamkeit und Interesse für die Probleme jottweedee, also janz weit draußen in Marzahn-Hellersdorf zu wecken, ist eine Sisyphus-Arbeit. Vor Jahren sprach ich mit Gewerkschaftern aus Nordrhein-Westfalen. Sie kamen und staunten, dass es hier so viel schöner ist, als die Menschen zu wissen glauben. Hier zu leben, ist auch besser, als dir manche weismachen wollen. Einen Besuch wert ist der Bezirk auf jeden Fall.