Man wird hellhörig, wenn der Verlag Christian Krachts neues Buch »Air« als einen »Roman aus dem Geiste einer radikalen Romantik« anpreist. Ist Kracht doch ein Autor, der nicht nur wegen seines Stils von vielen bewundert, sondern wegen seiner Stoffe auch von vielen misstrauisch beäugt wird. Krachts Interesse an faschistoiden Gestalten und Theorien, der ätzende Spott gegen Altachtundsechziger in seinen frühen Büchern, die Schilderung kommunistischer Herrschaft als Dystopie in den Romanen »Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten« und »1979« – all dies hat bei manchen den Verdacht geweckt, Kracht könnte ein Rechter sein.
Anlässlich seines Romans »Imperium« wurde vom Journalisten Georg Diez 2012 der Vorwurf erhoben, Kracht sei ein »Türsteher der rechten Gedanken« – allerdings so plump, dass die literarische Öffentlichkeit fast geschlossen den attackierten Autor verteidigte. Umgekehrt versuchte der neurechte Publizist Götz Kubitschek lange, Kracht als literarischen Gewährsmann der eigenen Sache zu vereinnahmen. Doch als Kracht mit »Eurotrash« 2021 einen Roman veröffentlichte, in dem die Deformation der deutschen Gesellschaft durch den Nationalsozialismus eine Rolle spielt, sagte sich Kubitschek öffentlich von der vermeintlichen »Heulsuse« los.
Offenbart sich Kracht nun im neuen Roman »Air« doch noch als romantischer Zivilisationsfeind? Auf den ersten Blick spricht einiges dafür. Wir begegnen dem Innenarchitekten Paul, der davon lebt, die Häuser von Leuten, die zu viel Geld besitzen, mit Ökoschick einzurichten. Pauls beruflicher Erfolg begann damit, dass er einmal zufällig für den Herzog von Cumberland genau das richtige Rot zum Anstreichen eines Salons fand. Paul gilt als »Magier«, der Schönheit produzieren kann, sein Leben scheint ein »fortlaufender Zustand des Erfolgs und der Anerkennung und des Glücks«. Doch fühlt Paul sich bisweilen auch als »Hochstapler« und bloßer »Anstreicher«. Er lebt in Stromness auf der Hauptinsel des schottischen Orkney-Archipels, an dem er die graue, abweisende Natur und Abgeschiedenheit schätzt. Doch eigentlich ist ihm auch Stromness noch nicht öde genug – er träumt von dem völlig menschenleeren und verwilderten Anwesen Barnhill House auf der Insel Jura, das er nur von Bildern kennt. Die Instagram-Gegenwart ist ihm widerwärtig, obgleich er selbst in ihr gefangen ist.
Paul fliegt nach Stavanger, wo ihn ein seltsamer Auftrag erwartet: Er soll das perfekte Weiß finden, um im Auftrag eines von ihm bewunderten Architekturmagazins eine Halle zu streichen. Sein Auftraggeber Cohen erweist sich bei ihrer Begegnung als Geistesverwandter. Das Magazin scheint für Cohen nur Vorwand, um sich metaphysischen Spekulationen hinzugeben. Er ist lebensunfähig und lebensmüde. Als Paul zu dem Gebäude kommt, das gestrichen werden soll, findet er in einer Höhle ein gigantisches Rechenzentrum, das die »gespeicherten Erinnerungen des Planeten« zu enthalten scheint. Ein Sonnensturm führt zu einem Stromausfall. Als die Lichter wieder angehen, ist Paul verschwunden. Cohen kommt unterdessen zu dem Schluss: »Am besten, man brachte sich einfach um.«
Parallel zur rätselhaften Handlung in der Gegenwart führt ein zweiter Erzählstrang des Romans in eine mittelalterlich anmutende Welt, in der die Sonne im Westen aufgeht. Ein neunjähriges, von den Eltern verlassenes Mädchen namens Ildr trifft bei der Jagd mit ihrem Pfeil versehentlich einen Fremden. Sie pflegt ihn gesund. Zum Dank teilt der Fremde unerhörtes Wissen und seltsame Geräte mit ihr, sodass er wie ein Zauberer oder ein Reisender aus der Zukunft wirkt. Bald ahnt man, dass es Paul ist, der auf unbekanntem Wege in die Parallelwelt gelangt ist. Vor den Soldaten eines grausamen Herzogs von Tviot fliehen Paul und Ildr am Fluss Livagar nach Süden in der Hoffnung, ein rettendes »Eismeer« zu erreichen.
Je länger man liest, desto mehr wähnt man sich in einem Fantasy-Roman voller blutiger Kolportage und seltsam seichter Sprache. Aber die abenteuerliche Oberfläche wird immer wieder durch Anachronismen irritiert: Was hat eine Metallschraube in der mittelalterlichen Welt zu suchen? Wieso spricht das Mädchen dem Fremden einen Satz wie »Es ist kompliziert« nach, den man aus den sozialen Medien der Gegenwart kennt? Was ist das überhaupt für eine Welt, durch die Paul, Ildr und am Ende auch Cohen irren? Eine fiktive Vergangenheit? Eine apokalyptische Zukunft? Ein Traum? Ein virtuelles Universum, in dem die Geister der toten Protagonisten in digitaler Form spuken? Der Roman beantwortet diese Frage natürlich nicht und erweist sich gerade dadurch als typisches Werk von Christian Kracht.
Typisch ist es auch, dass in »Air« einmal mehr Protagonisten an einen Ort gelangen, der zugleich utopische und dystopische Züge trägt. Es ist die »Steinstadt« an der Mündung des Flusses ins Eismeer, wo seit vielen Generationen Menschen leben, deren Vorfahren aus dem fruchtbaren Norden vor der Gewalt des Herzogs in den völlig kargen Süden geflohen waren. Obwohl die Welt hier nur aus »Wasser und Stein« besteht, haben die Bewohner sich nicht nur eingerichtet, sondern sind sogar glücklich. Wie in den historischen Utopien seit Thomas Morus üblich, gibt es »praktisch kein Eigentum«. Außerdem wirtschaften die Steinstädter nachhaltig. Zwischen den Menschen herrscht Gleichheit, nicht einmal der Kampf gegen die Truppen des Herzogs ändert etwas daran: »Alle wussten genau, was sie zu tun hatten. Es gab keine Anführer, die Befehle riefen.« Möglich wird all dies aber nur durch sozialen Druck: »Wer alleine schlafen wollte, galt als eigennütziger Sonderling und wurde sanft, aber mit Nachdruck davon überzeugt, daß die Kraft der Steinstadt einzig in der Gemeinschaft lag.« Paul und Ildr finden in dieser Idylle der Kargheit ihre Sehnsüchte erfüllt, doch der Kontakt mit den Fremden aus dem Norden weckt bei den Abgeschiedenen selbst paradoxerweise die Sehnsucht nach einer Rückkehr in die üppige Welt der Vergangenheit.
Ist dieser Roman nun Produkt einer radikalen Romantik? An romantischen Motiven fehlt es nicht: Die ziellose Reise der Protagonisten und ihr Kampf gegen Gestalten des Bösen erinnern an die Romane von Friedrich de la Motte Fouqué, einem heute vergessenen Urvater der Fantasy-Literatur. Die Grenze zwischen Wirklichkeit und Traum verwischt sich wie bei Novalis, lebendige Gestalten haben Doppelgänger auf Gemälden wie bei E.T.A. Hoffmann. Die ausgestellte Künstlichkeit und Doppeldeutigkeit macht es jedoch unmöglich, Krachts Roman als ungebrochenes Lob einer Flucht aus der Zivilisation zu deuten. Es herrscht wie immer bei Kracht die universelle Ironie, auch sie ein Erbe aus Zeiten der frühen Romantik. Der Autor erweist sich als Romantiker zweiter Ordnung: Reproduziert werden nicht die weltanschaulichen Ideen der Romantik, sondern ihre ästhetischen Verfahren. Die haben ihre provozierende Kraft auch heute noch nicht verloren. Eine Flucht aus der Gegenwart, so könnte der rätselhafte Schluss des Romans andeuten, ist nur auf Kosten des Lebens möglich.
Christian Kracht: Air. Kiepenheuer & Witsch, 224 S., geb., 25 €.