Nun ist auch Gisela Heller gegangen. Mit 90 Jahren, schreibend und lesend tätig bis zuletzt. Gisela, die Fontane-Spezialistin, die ihrem geliebten Vorbild in die äußersten Winkel Brandenburgs und Berlins folgte, wie in den »Märkischen Bilderbögen«, »Wanderungen durch die Mark Brandenburg[1] mit Fontane« und in unzähligen »Potsdamer Geschichten« für Rundfunk, Fernsehen, Zeitungen und in Büchern. Sie schrieb Reportagen, Reiseberichte. Und ihre Bücher wiesen sie dann auch als hervorragende Schriftstellerin aus. Bemerkenswert ihr Fontane-Roman »Geliebter Herzensmann« und ihre Lebenserinnerungen »Meine Irrungen, Wirrungen«, geschrieben mit über 80 Jahren.
Als junge Journalistin fing sie 1957 beim Rundfunk an und bezauberte die Hörerinnen und Hörer mit ihrer lächelnden samtweichen Stimme. Ich lernte Gisela im Potsdamer Schriftstellerverband in den 60er Jahren kennen. Da war ich in »der Kinderstube« des Potsdamer Schriftsteller-Verbandes, in der Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren. Wir wurden zu Förderlehrgängen ins Schriftstellerheim in Petzow oder ins Schloss Wiepersdorf geschickt und konnten dort jeweils eine Woche im Frühling und im Herbst unter Anleitung erfahrener Autoren schreiben. Abends lasen wir uns das am Tage Geschriebene vor. Es war eine locker-kreative Atmosphäre, die ich nie vergessen werde. Franz Fabian und Peter Brock waren unsere Meister. Manchmal beehrten und »belehrten« uns auch so bekannte Schriftsteller wie Christa und Gerhard Wolf[2], Walter Kaufmann und Jens Gerlach. Fred und Maxi Wander, Otto Wiesener, Irma Harder Walter Flegel, Bernhard Segher waren Kollegen, Herbert Otto unser Vorsitzender.
Gisela, die Schöne, war uns jüngeren Frauen Vorbild. Sie hatte drei Töchter, die sie tapfer allein aufzog. Daneben war sie schreibend ungeheuer fleißig und schon ab 1956 freie Schriftstellerin. 1976 und 1989 erhielt sie den Potsdamer Fontane-Preis. Sie konnte so von Theodor Fontane schwärmen, dass wir sie manchmal »Theos Witwe« nannten. Männer kamen, gingen oder blieben, wie das Leben so spielt. Zuletzt der treue Martin, der blieb und den Töchtern Vater war bis zu seinem Tode. Gisela musste auch den Tod der jüngsten Tochter Aziza ertragen. Sie behielt ihr Lächeln und ihre freundliche Aura, mit der sie viele Menschen anzog.
1939 bei Kriegsbeginn war sie 10 Jahre alt, bei Kriegsende also 15 und hatte auf der Flucht aus Breslau Schlimmes erlebt. Wir fühlten uns zueinander hingezogen, war ich doch auch in Schlesien geboren[3]. Von Gisela lernte ich viele schlesische Worte, und sie nannte mich »kleine Schwester.« Unsere Freundschaft hielt bis zuletzt. Manchmal besuchte ich sie im Seniorenheim in Babelsberg. Dort fühlte sie sich sehr wohl und wurde geliebt. Denn sie leitete jahrelang einen Lesezirkel, in dem viele Heimbewohner begeistert mitwirkten.
Die letzten Wochen waren bestimmt von schwerer Erkrankung. Von Gisela sind mir die Fontane-Worte geblieben: »Der Mensch kann tun, was er will, er muss nur jederzeit bereit sein, die Konsequenzen für sein Tun zu tragen.« Am 1. April begleiten wir Gisela auf ihrem letzten Wege auf den Stahnsdorfer Friedhof.