Er ist so groß, dass ich auf seiner Handfläche stehen könnte. Der sanfte Riese seufzt und zuckt die Achseln. Sein Oberkörper ist nackt, zart wackeln die Flügel aus weißem Plüsch, die an seinen Schultern befestigt sind. Der Engel sieht auf einen kleinen Menschen herab, der mausgroß vor ihm auf der Bühne steht.
Ich tauche die ersten zehn Meter. Strahlen malen weiße Rechtecke auf den Boden. Sie bewegen sich, werden von Linien durchkreuzt, dunklere Areale drücken die Lichtflächen beiseite. Und wieder ist es da. Ein grellweißes Stück Licht unten auf dem Beckenboden. Ich versuche, es über meine Hände wandern zu lassen, erwische es nicht, gleite ins dunklere Blau, gemach den Füßen meines Vorschwimmers folgend. Die nächste Bahn Rücken. Weiße Elemente hängen von der Decke und bilden verschieden tiefe Linien, angedeutete Wellen. Das Mosaik am Bahnende zeigt Wellen und Menschen in blanker Harmonie.
Auch wir im Wasser, die wir an einem Freitagmittag miteinander schwimmen, sind behutsam. Freundlich. Frühlingsmild. Der Streik in Berlin ist seit ein paar Stunden beendet, die Sonne gibt 100 Prozent. Das unlängst sanierte Stadtbad Tiergarten[1] mit seiner Glasfassade und den Dachfenstern lässt großzügig Licht herein. Die digitale Anzeige an der Bademeisterkabine zeigt Innen- und Außentemperatur und eine weitere Sonne. Hinter Liegen und roten Kachelbänken ist draußen ein Schuttberg zu erkennen, mitten in der Brache für das geplante Außenbecken. Ob das noch umsetzbar ist[2]? Berlin muss sparen. Während ich Lichtflecken hasche, verkünden die Bäderbetriebe[3], welche Freibäder dieses Jahr nicht beheizt werden können.
Ich habe meine 1000 Meter geschafft und schlendere zum Sprungbecken, das heute geschlossen ist, auch die Kletterwand, von der man sich ins Wasser fallen lassen kann, ist außer Betrieb. Im Kinderbecken wird geplanscht, ich treibe im warmen Wasser. Alle paar Minuten ändert sich die Farbe der Unterwasserstrahler und wirft auf das Becken und die darüber hängende Decke Farbschleier. Grün, lila, rot. Schon beamt es mich auf den Rang des Deutschen Theaters, wo ich ein paar Stunden zuvor über roten Samt hinweg auf der Bühne einen Engel sah.
»[4]Halts Maul, Kassandra![5]«[6] heißt das Stück[7], das in brillanter Collage das Leben und Wirken des beständig Unruhe stiftenden Dichters und Filmemachers Thomas Brasch[8] in Szene setzt, der dieses Jahr 80 Jahre alt geworden wäre. Ein wilder Abend zeigt sehr laut und manchmal leise, was den in Ost wie West Unbehagten antrieb, Livemusik peitscht, Gewissheiten verschwimmen. Die DDR blieb dem Ausgewanderten verhasste Geliebte. Brasch ersteht auf als einer, der mal wieder verboten werden sollte, empfiehlt der Conférencier Jürgen Kuttner, dann spricht Brasch. Sein Gesicht flimmert über die Bühne. Im letzten Drittel des dreistündigen Stückes erscheint der Engel. Auf eine hauchdünne Leinwand projiziert wirkt der Schauspieler, im Hintergrund von einer Kamera erfasst, riesig. Ein Geist mit zitternden Flügeln. Mich trifft ein Lichtstrahl und der Engel sagt lächelnd: Ich bin die DDR.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1190204.ueber-wasser-unter-engeln.html