Intakte Ökosysteme seien unverzichtbar für Wirtschaft und Leben in Brandenburg, sagt am Montag Carsten Preuß[1], Landesvorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND). Man halte Umweltschutz leider immer für einen notfalls verzichtbaren Luxus. »Aber das ist ein Trugschluss.« Der alarmierende Zustand der Natur zeige sich durch belastete Gewässer, schrumpfende Artenvielfalt[2] und schwindende Wasserreserven. Die Klimaerhitzung erzeuge zusätzlichen Druck. Trotzdem stoppe die neue Landesregierung bereits in ihren ersten 100 Tagen zentrale Umweltmaßnahmen, statt den Naturschutz auf ihrer Agenda ganz nach oben zu setzen.
Preuß[3] und sein Stellvertreter Thomas Volpers legen am Montag einen umweltpolitischen Kompass vor, an dem sich das Bundesland in den kommenden fünf Jahren orientieren sollte. Dass Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) in der vergangenen Woche in seiner Regierungserklärung den Umweltschutz überhaupt nicht erwähnt habe und den Klimaschutz nur in einem Satz, ist Volpers negativ aufgefallen. Auch im Koalitionsvertrag fehle es in dieser Hinsicht an konkreten Zielsetzungen, bedauert er. Da gebe es nur das Lippenbekenntnis, natürliche Ressourcen und Lebensräume für künftige Generationen bewahren zu wollen.
»Die Landesregierung verkennt, dass unsere einzigartige Naturlandschaft, die nur durch aktiven Naturschutz erhalten werden kann, ein zentraler Tourismusmagnet ist.«
Thomas Volpers BUND-Vizelandeschef
Als Finanzminister Robert Crumbach (BSW) am Freitag den Entwurf für den Doppelhaushalt[4] 2025/26 vorstellte, war dem Politiker die Bemerkung wichtig, dass die Mittel für Maßnahmen des Klimaschutzplans auf 3,5 Millionen Euro jährlich erhöht werden. Bisher seien es nur 2 Millionen gewesen.
Doch bis Montag hatte der BUND den Haushaltsentwurf durchgesehen und sieht nun seine Befürchtung bestätigt, dass es beim Umweltschutz Kürzungen geben werde. Als Beispiel nennt Carsten Preuß die Natura-2000-Teams, die Schutzgebiete außerhalb des Nationalparks Unteres Odertal sowie fernab der Naturparks und Biosphärenreservate betreuen. Fünf dieser Teams mit je drei Stellen gebe es in Brandenburg und fünf Stellen sollen künftig nicht mehr bezahlt werden, beklagt Preuß. Außerdem solle die Forstverwaltung sich künftig durch den Holzeinschlag selbst finanzieren und darüber hinaus fünf Millionen Euro an den Landeshaushalt abführen. Dabei bräuchte der Landesforst jeden Euro für den Umbau der Kiefernmonokulturen zu Mischwäldern, die dem Klimawandel besser trotzen.
»Die Landesregierung verkennt, dass unsere einzigartige Naturlandschaft, die nur durch aktiven Naturschutz erhalten werden kann, ein zentraler Tourismusmagnet ist«, ergänzt Thomas Volpers. Nach Potsdam kommen die Besucher wegen der Kultur dort, doch ansonsten strömen Urlauber wegen der Natur nach Brandenburg, ist Volpers überzeugt. Mehr als acht Prozent der Wirtschaftsleistung des Bundeslandes entfallen auf den Tourismus, auf die Landwirtschaft nur ein bis zwei Prozent, rechnet der BUND-Vizelandeschef vor. Übrigens werde der Naturschutz zu Unrecht als Haupthindernis für die Landwirtschaft hingestellt. Das zeigten die Biobauern, die 17,3 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche im Bundesland beackern. Diese produzierten Lebensmittel »fast ohne Pestizide, mineralische Düngemittel und Megatierställe«.
Volpers spricht sich dagegen aus, gerade erst eingerichtete Reservate etwa im Spreewald wieder abzuschaffen, bevor sie einen echten Beitrag zur Artenvielfalt leisten können. Endlich bedecken Wildnisgebiete zumindest ein Prozent der Landesfläche. Eigentlich sollten es zwei Prozent sein. Dass sich eine Wildnis erst langsam[5] wieder entwickeln müsse, zeige das Weltnaturerbe Buchenwald Grumsin, erläutert Volpers. Da gebe es nach Jahren als Reservat inzwischen mehr Insektenarten.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1190209.naturschutz-in-brandenburg-wildnis-unberuehrt-lassen.html