Um es gleich vorwegzunehmen: Ich liebe den »Ballesterer«, dieses wunderbar intelligente Fußballmagazin aus Wien. Gegenwärtig herausgegeben von Nicole Selmer und Moritz Ablinger, erschien das einzig unabhängige Sportmagazin Österreichs erstmals im März 2000. Seitdem erzählt das Magazin mir und den restlichen Bewohnern der Fußballwelt zehnmal im Jahr aufregend vom großen Fußballdrumherum. Mit starkem Fokus auf die kritische Fankultur[1], coolen Fotos, wenig Mainstreamgeschwafel und viel Fußball der Frauen.
Seit ein paar Monden gibt es zudem die »Ballesterer Bibliothek«. In der Nummer 4 dieser Reihe hat sich das Autorenkollektiv der Fußballstadt London angenommen. Vom Cover grüßt das legendäre Clock End in Highbury. Von der Stehplatztribüne schaut eine gigantische Schar Männer dem Spiel zwischen Arsenal London und Manchester United zu, das United am 29. September 1959 mit 2:1 in London gewann. Selbstverständlich kommen auch die Raubeine des FC Millwall in der Ausgabe vor, wie überhaupt die Fankultur darin eine würdige und angemessene Behandlung erfährt. Groß auch die zehn Songs (nachhörbar im Web) auf Seite 140, die uns musikalisch den Weg in die Herzen der englischen Zuschauerinnen und Zuschauer öffnen.
Zurück zum Magazin. Ich bin seinerzeit sehr schnell auf den »Ballesterer« gestoßen, der im schmalen Markt der Fußballmagazine durch Haltung glänzt. Viele politisch rege Leserinnen und Leser, die ungern dem pennälerhaften Sound des Fußballs lauschen (der aus anderen Magazinen häufig den Blick vernebelt) und sich von Werbeunterbrechungen belästigt fühlen, landen irgendwann beim »Ballesterer«. Es ist bestimmt keine schlechte Idee, eine Redaktion an der Spitze mit einer Frau und einem Mann zu besetzen. In Deutschland braucht man für diese Erkenntnis sehr lange, hier genügt ein Blick in die Redaktionen des »Kicker« und der »11 Freunde«, die nicht umsonst so heißen. Auch Ultramagazine beeindrucken durch die Bank mit verengtem Blick. Ist der Fußball die letzte Bastion der Männerherrschaft? Oder will der deutsche Vati nur einmal in der Woche sein Bier in der wilden Männerherde gurgeln?
Unsere Urgroßväter glaubten vielleicht fliegenden Schweinen und Kaiser Wilhelm, wir hingegen flirten mit dem »Ballesterer«, am besten im Abo. Hol auch du dir dein Abo! Dem »Ballesterer« wünsche ich viele Abenteuer in den nächsten 25 Jahren.
Das wünsche ich auch den ostdeutschen Vereinen, die weiter an einer Aufstiegsreform[2] basteln und gegen die Sanktionen für nicht missbräuchlich verwendete Pyrotechnik und unangemessene Polizeieinsätze[3] gegen Fans protestieren. Zu Wochenbeginn findet in Berlin ein Treffen zwischen 16 unzufriedenen ostdeutschen Regionalligisten und dem Nordostdeutschen Fußballverband statt. Das NOFV-Präsidium besteht aus einer Frau und 18 nicht mehr ganz jungen Männern. Die Erwartungen der Vereine sind niedrig. Die Fans trauen den Verbands-Buben (plus der einen Frau) nicht über den Weg; für sie ist das Gremium Teil der Fußballmafia, die uns den Fußball unter dem Hintern wegzieht. Setzen wir den Hobel an.