Marcel Schäfer gilt als Manager, der eher lange an Trainern festhält. Nun aber saß der 40-Jährige zum zweiten Mal binnen eines Jahres auf einem Pressepodium und musste mit belegter Stimme die Entlassung eines Fußballlehrers erklären. Vor einem Jahr, noch in Diensten des VfL Wolfsburg, hatte er Niko Kovac freigestellt, am Montag führte er aus, warum Marco Rose bei RB Leipzig[1] gehen musste.
Über Roses Entlassung wurde seit Monaten diskutiert, weil die RasenBallsportler ebenfalls seit Monaten nur noch wie eine schlechte Kopie der Mannschaft vergangener Tage auftreten und in dieser Spielzeit in der Mittelmäßigkeit zu versinken drohen. Dass Rose nach vielen Treueschwüren des Klubs sieben Spiele vor dem Saisonende in der Bundesliga[2] doch noch gehen musste, ist auch für Schäfer und Red-Bull-Berater Jürgen Klopp[3], die lange zum Trainer hielten, eine bittere Erkenntnis. »Das ist eine Niederlage für alle«, sagte Schäfer.
Nach dem 0:1 am Sonnabend in Mönchengladbach[4] hatte der Manager noch nicht anklingen lassen, dass Roses 125. Spiel für Leipzig auch dessen letztes gewesen sein könnte. Und der Trainer hatte verkündet, »dass wir diese Saison nicht mehr Karussell fahren werden«. Doch eine nächtliche, stundenlange Beratung mit dem mächtigen Red-Bull-Aufsichtsratschef Oliver Mintzlaff, dem Technischen Direktor Mario Gomez und Schäfer brachte die Kehrtwende.
»Wir hatten die Überzeugung, dass wir irgendwann die Trendwende einleiten, was die Art und Weise betrifft, wie wir Fußball spielen, wie wir auftreten und wie unsere Haltung und Widerstandsfähigkeit auf dem Platz bei schwierigen Phasen innerhalb eines Spiels ist«, erklärte Schäfer. Doch trotz weniger Belastung ohne englische Wochen und mehr Trainingszeit trat keine Besserung ein. Weil die Überzeugung fehlte, handelte Schäfer, »im Sinne des Klubs, denn unsere Ziele stehen über allem«. Dem Manager war es dabei wichtig, den Eindruck eines von Red Bull fremdgesteuerten Klubs[5] wegzuwischen, mehrfach betonte er am Montag, dass die Verantwortung bei ihm liege. »Wir haben in unserer Struktur viele Experten, es ist selbstverständlich, dass wir uns austauschen und ich darauf zurückgreife. Aber die Entscheidung liegt letztendlich hier in Leipzig, und die treffe ich als Geschäftsführer Sport«, stellte er klar.
Nun soll Zsolt Löw den Karren aus dem Dreck ziehen, der zunächst bis Saisonende als Interimstrainer fungieren wird. Lange Zeit war der 45-Jährige Assistenztrainer im Red-Bull-Kosmos[6]: in Österreich bei Liefering und Salzburg, 2015 bis 2018 in Leipzig. Als Ko-Trainer von Thomas Tuchel war er in Paris, bei Chelsea London und dem FC Bayern. Nun muss er auf seiner ersten Station als Cheftrainer sofort liefern – am Mittwoch im Halbfinale des DFB-Pokals beim VfB Stuttgart. »Zsolt wird den Fußball hier nicht neu erfinden. Es geht darum, unsere Stärken in den Vordergrund zu stellen, frischen Wind und neue Energie reinzubringen«, erklärte Schäfer. In Taktikfragen steht ihm der langjährige Klopp-Vertraute Peter Krawietz als Ko-Trainer zur Seite.
Egal, ob RB jetzt noch die Kurve bekommt, ins Pokalfinale und in die Champions League einzieht oder eben nicht – die Leipziger stehen im 16. Jahr ihres Bestehens vor einem großen Umbruch. Für die kommende Saison braucht es nicht nur einen neuen Trainer. »Wir brauchen frischen Wind und neuen Geist, um diese Haltung, dieses Leben, diese brutale Energie, die diesen Klub lange ausgezeichnet haben, wieder zu zeigen«, meint Schäfer. Das müsse jeder wieder spüren – die Gegner auf dem Platz ebenso wie die erfolgsverwöhnten Fans. Bei alledem geht es bei dem rasant gewachsenen Klub auch um Identifikation und Identität: Der gebürtige Leipziger Rose und seine Ostfußball-Gang mit den Ko-Trainern Marco Kurth und Alexander Zickler sowie RB-Urgestein Frank Aehlig, Leiter des Lizenzspielerbereichs, sind nun alle weg.
Schäfer kündigte indes an, bis zum Sommer eine »überzeugende Lösung« auf dem Trainerposten zu präsentieren. RB suche einen Trainer, »der sich komplett mit der Philosophie unseres Klubs identifiziert, der attraktiven, offensiven Fußball spielt, der mit und gegen den Ball immer aktiv sein möchte«. Die bereits kursierenden Namen dazu: der vereinslose Roger Schmidt, Oliver Glasner (Crystal Palace), Danny Röhl (Sheffield Wednesday) und Matthias Jaissle (Al-Ahli) – oder im Erfolgsfall Löw.