Klar, Die Linke feierte mit ihrer Haustürkampagne im Wahlkampf Erfolge[1]: Die Haltungen und Positionen der Arbeitenden, die sie derart zu Hause »abholen« möchte, können aber durchaus zweischneidig sein. Wie soll angesichts dessen das »Wir gemeinsam gegen die da oben« laufen?
Die Lohnabhängigen sind alles andere als eine einzige oder gar einige Arbeiterklasse. Verschiedene Haltungen zeigen sich beispielsweise an einer positiven Resonanz, die das Trommelfeuer auf Bürgergeldempfänger aufseiten vieler der »Fleißigen« hat, die jeden Tag »schaffen gehen«. Arbeit und Fleiß, Leistung und Pünktlichkeit – die Tugenden der »Anständigen« erleben ausgerechnet mitten in einer Rezession echte Konjunktur. Wohlfahrt und Fürsorge verkommen zu bloßen Kostenfaktoren.
Es lohnt sich für das Verständnis solcher Haltungen in unterworfenen Klassen genauer auf deren politischen und sozialen Hintergrund zu schauen. Das kann vielleicht zeigen, wie wir uns verschiedenen Haltungen und Interessen nähern und welche gemeinsamen Perspektiven wir haben, die in emanzipatorischer Politik etwas ausmachen – und dabei mehr als »Abholen« sind.
Erhellend ist dafür das neue Buch »Producteurs et Parasites« des Philosophen Michel Feher. Er analysiert unter dem Aspekt des »Produktivismus« den rechten Rassemblement National in Frankreich. Die Le-Pen-Partei teile die französische Gesellschaft in zwei moralisch antinomische Klassen ein: Produzenten, die nur vom Ertrag ihrer Arbeit leben, und sogenannte Parasiten, die den »Wert der Arbeit« ablehnen und sich den von anderen geschaffenen Reichtum mühelos aneignen. Gemeint sind damit die Faulenzer und »Räuber« ganz oben und ganz unten. Die Produktiven – also Unternehmer, Selbstständige und Arbeitende – stünden treu zu meritokratischen Normen, ganz anders als die »Schmarotzer«, also Spekulanten einerseits und Sozialhilfeempfängern andererseits. Anders sieht das die AfD, die letztlich nur nach unten tritt: Die Rolle globaler Spekulanten nehmen für sie prominent »Kulturmarxisten« und ein »rot-grün versifftes« Phantasma ein.
Im Produktivismus sind die sichtbaren Armen viel näher als unantastbare, weit entfernte Milliardäre.
Wenn auch Linke der Ansicht sind, Arbeit unter den herrschenden Verhältnissen sei ein sinnvoller Ausgangspunkt für ein kollektives Identitätsangebot, dann sitzen sie dem Produktivismus auf, den Feher kritisiert. Beispielhaft für Produktivismus steht der US-Ökonom James Buchanan, der Begründer der Public-Choice-Theorie, die Politik als von individueller Nutzenmaximierung geleitet versteht. Er unterteilte schon vor Jahrzehnten »Parasitentum« in vier Figuren: Arbeitslose/Empfänger von Sozialprogrammen; gewerkschaftlich organisierte Arbeitnehmer, die Vorteile genießen, die in keinem Verhältnis zu ihren persönlichen Verdiensten stünden; (faule) Beamte und viertens kulturelle Eliten.
Nicht dabei sind Spekulanten/reiche Räuber. Einschnitte bei bzw. Abschaffung von Sozialleistungen, Liberalisierung des Arbeitsmarktes, Einführung leistungsbezogener Gehälter im öffentlichen Dienst, Reform der Hochschulfinanzierung: Das sind die Schlussfolgerungen, die derzeit in den USA mit der Brechstange realisiert werden.
Doch warum sind Leistungsträger so fleißig? Antworten darauf finden sich in einem bemerkenswerten Aufsatz, den Jason Read in dem von Ben Gook herausgegebenen Band »Libidinal Economies of Crisis Times« jüngst veröffentlichte: »Negative Solidarität – Die affektive Ökonomie im Niedergang des Neoliberalismus«. Der Professor für Philosophie bietet eine neue Betrachtungsweise zu politischen Haltungen aus Klassenverhältnissen. Unbedingte Beschäftigungsfähigkeit gilt heute als allgemeines Ideal – Unternehmer seiner selbst zu werden. Read interpretiert dies als eine Geschichte, die sich von der Angst zur Freude und vom Konsum zur Produktion, von negativen Affekten zu freudigen bewegt.
Es ist ein Übergang, der weniger Befreiung, Freiheit von Angst und Bedürftigkeit als vielmehr Unterwerfung darstellt. Er gipfele in dem modernen Ideal, die eigene Verwirklichung, die Leidenschaft in der Arbeit selbst zu finden. Die Tatsache, dass Konsum oder Lohnarbeit kaum Freuden bieten, führe nicht zu ihrer Ablehnung oder einer Kritik am Kapitalismus. Stattdessen entstehe ein Ideal von Arbeit als Disziplin. Und nützliche Selbstveränderung werde zur Quelle von Bestätigung. Die Konzentration auf die Übernahme der Verantwortung für eine Überwindung eigener Nöte und Traumata bringe ein enormes Misstrauen gegenüber jeder kollektiven oder institutionellen Lösung.
Der Kulturanthropologe David Graeber hatte erklärt, warum sogar Bullshit-Jobs keine allgemeine Verachtung oder gar Rebellion hervorrufen. Vielmehr gewönnen Lohnarbeitende Gefühle von Würde und Selbstwert, gerade weil sie ihre Jobs hassten. Man bleibe an der Arbeit hängen, weil man sie als schmerzhaft, erniedrigend oder schwierig empfinde. Und diejenigen, die stolz auf ihre Arbeit sind, weil sie schwierig ist, seien wütend auf jene, die nicht arbeiten, sowie auf andere, deren Arbeit nicht schwierig oder anspruchsvoll genug ist. Diese Argumentation lässt erkennen, wie Wut auf Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger entsteht und politisch nutzbar wird.
Vorstellungen von Begrenzung und Ohnmacht werden als Aufwertung der eigenen Zähigkeit, Härte und Disziplin verinnerlicht als die einzigen Freuden, die einem blieben, folgert Jason Read. Der Ruf nach mehr Arbeitsplätzen, intensiveren Sparmaßnahmen und stärkerer Verfolgung der Benachteiligten – diesen besonderen Kampf um Knechtschaft bezeichnet er als »negative Solidarität«.
Damit sind wir wieder beim Ausgangspunkt: Wo findet das »Abholen« der unterworfenen Klasse statt? Beim Stolz auf die Arbeit, gar der Anerkennung ihrer Verhältnisse, deren Leitlinien vorrangig den Maßgaben der Profitabilität folgen? Einer Arbeit, die durch eine Ethik individuellen Engagements statt kollektiven Schutzes geprägt ist? Die Antwort fällt nach einem Blick auf Haltungen, die aus den herrschenden Arbeitsverhältnissen und Abhängigkeiten folgen, nicht so leicht, wie es vermeintlich eindeutige Klasseninteressen suggerieren.
Wenn wir Fehers Diagnose folgen, lässt sich konstatieren, dass sich viele Linke einem Produktivismus anschließen, der Schwierigkeiten hat, sich von existierenden Kapitalverhältnissen abzusetzen. Was in dessen Schema von Sozialdemokratie bis AfD als die leistungsbeziehenden Schmarotzer unten erscheint, möchten sie durch die »Parasiten oben« ersetzen, die Milliardäre. Das ist aber ein Versuch, der letztlich wenig Erfolg verspricht: Im engagierten Produktivismus sind die sichtbaren Armen, die von staatlichen Zahlungen Abhängigen, leichter greifbar und viel näher als unantastbare, weit entfernte Milliardäre. Schlimmer noch: Leute wie Elon Musk oder Mark Zuckerberg sind heute Superstars, von denen Orientierung, gar neue Visionen erwartet werden. Einem linken Produktivismus aber mangelt es an verbindenden Konzepten zu existierenden Klassenspaltungen.
Der Sockel einer emanzipatorischen Strategie linker Kräfte verlangt allerdings zur Abgrenzung gegen Affirmation oder reaktionäre Allianzen mehr als »moralischen Produktivismus« gegen »die da oben«. Leitlinien wie Disziplin, Nutzbarmachung und Leidbewältigung rund um Arbeitszwänge passen viel besser zu Rechten und Libertären, die deren Akzeptanz mit wohlfeilen Versprechen von Wachstum, technologischen Wundern und lukrativer Beute für die arbeitenden Angehörigen der eigenen Nation anreichern. Doch auch emanzipatorische Kräfte orientieren sich oft an eingespielten Haltungen, empörten Kampagnen oder Medienaufregern. Sie agieren häufig ohne eigene Gesellschaftskonzepte, Strategien und Kontravisionen, die versuchen, eigene Attraktion zu entfalten. Das gilt gerade hinsichtlich protopolitischer Haltungen der Leute.
Solche konzeptionellen Fehlstellen zeigen sich auch bei der Renaissance der (beherrschten) Klassen in politischen Milieus im vergangenen Jahrzehnt, die sozialistisch inspiriert sind: Statt einheitliches Klasseninteresse der ausgebeuteten Arbeiterinnen zu unterstellen, gar einem idealisierten, glattgebügelten Arbeitsstolz aufzusitzen, sollte es mehr um Differenzierung von Klassenbedingungen gehen, also die unterschiedlichen Formen von Beherrschungen und Erfahrungen in den verschiedenen Reproduktionsweisen. Diese prägen ein komplexes Geflecht von Interessen: Die durchgängigen gesellschaftlichen Zusammenhänge von Unterordnung, Enteignung und Ausbeutung formen Klassenverhältnisse viel mehr als allein die ökonomischen Verhältnisse.
Deren ökonomische Mechanismen durchziehen und überformen auch ihre erweiterten Reproduktionsverhältnisse, bilden sich in allen Sphären der Lebensweisen aus, in sozialer Reproduktion und staatlichen Institutionen, der Konsumwelt und soziokulturellen Arrangements. Das Cluster von Unterordnung, Enteignung und Ausbeutung übt in den Lebensweisen auf verschiedene Weisen Zwänge aus. Arbeitsverhältnisse sind unter den variierenden Bedingungen von Kapitalverwertung darin eingebettet.
Daran anschließend zählt als weitere Dimension der Formation von Klasseninteressen die Subjektivierung, also ein Gerüst persönlicher Einstellungen, Überzeugungen und Begehren im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext. Es wird im Alltags laufend reproduziert und kann gleichzeitig der Kompensationen negative Erfahrungen dienen.
All das, dieses kollektive Amalgam von Klassenverhältnissen, fließt in eine protopolitische Dimension der Klasseninteressen ein. Sie entspringt den Alltagshaltungen, ihren Widersprüchen, Konflikten und Stimmungen. Daraus kann der Grundstock eines Klassenbewusstseins entstehen, das sich allerdings erst in Verbindungen von kollektiven Widerständen und Klassenkämpfen konturieren kann. Diese Überlegung kann Fehers und Reads Einsichten ergänzen, dass es nicht reicht, für politische Strategien, ihre Mobilisierungen und Orientierungen bestimmten individualisierten Haltungen und ihren Vorgaben für Arbeitsprozesse zu folgen. Eine derartige Verengung sieht nicht nur von den Bedingungen der Subjektivierung, der Lebensweisen und der Kapitalverwertung ab, sondern in den politischen Dimensionen kommen heute auch Nihilismus und Resignation hinzu.
Jedoch geben die Klassenverhältnisse auch Chancen für emanzipatorische Mobilisierung, wie sie sich aus Haltungen der Leute zu Wohnen und Gesundheit andeuten. Eine stabile gemeinsame Kraft ihrer politischen Interventionen gilt es mit einer sozialistischen Perspektive erst noch zu bilden.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1190222.linkspartei-die-agenda-der-fleissigen.html