Auf einem kleinen Holzbrett sind ein golden angesprühter Popo mit Ohren und ein kleiner goldener Schuh angebracht. »Der goldene A-Tritt«, steht auf dem Brett. Zusammen mit einem großen Plakat voller Wünsche und Forderungen will eine kleine Gruppe von Menschen, darunter obdachlose und wohnungslose[1], den »A-Tritt« am Dienstagmorgen dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU) überreichen. Sie schaffen es bis zur Pforte des Roten Rathauses. Dort übergeben sie Plakat und »A-Tritt« und erhalten eine Empfangsbestätigung, der zufolge beides an Wegner übergeben[2] wird.
Etwa 20 obdachlose Menschen und Unterstützer*innen verbrachten die Nacht vor dem Roten Rathaus. Schon zum siebten Mal fand die jährliche Mahnwache gegen Obdachlosigkeit und Zwangsräumungen[3] in Berlin statt. In diesem Jahr ist sie noch ein Stückchen gewachsen: Über den Abend waren bis zu 300 Menschen vor Ort, haben sich bei Regen unter Pavillons gedrängt und den Reden und der Live-Musik zugehört. Unterstützung erhielt die Mahnwache dabei unter anderem von der Band Ton, Steine, Scherben.
»Es war geil. Wann können Obdachlose denn mal mit normalen Menschen zusammen feiern?« Das fragt am Dienstagmorgen einer der Teilnehmer der Mahnwache, der sich »der obdachlose Mike« nennt. »Die normalen Menschen haben Angst vor Obdachlosen. Aber wir Obdachlosen haben doch viel mehr Angst vor denen.«
Im Vordergrund der Mahnwache stehen Menschen, die obdachlos oder wohnungslos sind oder einmal waren. Viele von ihnen halten Reden auf der Bühne und erzählen von ihren Erfahrungen. Matze etwa berichtet, wie er unter einer Brücke am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) im Westen Berlins im Schlaf überfallen, ausgeraubt und mit einem kleinen Messer verletzt wurde. »Die ganzen Menschen, die vorbeigekommen sind, haben nichts gemacht«, sagt er. Nur ein Taxifahrer habe ihm in der Notlage geholfen. »Schaut bitte nicht weg, wenn ihr von Gewalt gegen Obdachlose mitbekommt. Macht was!«, appelliert Matze.
»Es sollte Selbstverteidigungskurse für Umme für Obdachlose geben, egal ob Frauen oder trans oder queere Menschen«, sagt Bagheera zu »nd«. Bagheera nimmt an der Mahnwache teil, weil sie selbst seit 20 Jahren obdachlos ist. »Ich habe damals wegen der Gentrifizierung einfach keine bezahlbare Wohnung hier gefunden.« Die kostenlosen Selbstverteidigungskurse sind ihr sehr wichtig, denn man sei als obdachlose Person oft Angriffen ausgesetzt, zum Teil sehr schlimmen. »Es tut not, dass sich Menschen selbst verteidigen können, denn sonst macht es ja niemand.«
»Ich habe in Notunterkünften mehr Übergriffe erlebt als auf der Straße.«
Bagheera Obdachlose Frau
Bagheera hat einige Erfahrungen mit Notunterkünften für wohnungslose Menschen gesammelt, vor allem schlechte. »Ich setze da keinen Fuß mehr rein«, sagt sie. Nicht nur die mangelnde Privatsphäre und Hygiene seien große Probleme, auch sicher sei es dort für sie nicht gewesen: »Ich habe in Notunterkünften mehr Übergriffe erlebt als auf der Straße.« Es fehle an Notunterkünften für Frauen, mit eigenen Zimmern. Außerdem hat sie einen großen Hund, der ihr Sicherheit gibt, den sie aber in die Notunterkünfte nicht mitnehmen kann. »Als Frau mit Hund kommt man nie unter.«
Auf der Straße wiederum fehle es zunehmend an Rückzugsorten. »Es gibt kaum mehr Büsche zum Verstecken und zum Schutz. Das wird alles abgeholzt«, sagt Bagheera. Auch kostenlose öffentliche Toiletten und Duschen brauche es deutlich mehr. »Dann kostet alles 50 Cent oder 1 Euro. Wo soll man das denn hernehmen, wenn man keine Patte hat?«
Unter den zahlreichen Organisationen, die die Mahnwache gegen Obdachlosigkeit und Zwangsräumungen in diesem Jahr unterstützen, ist auch die Erwerbsloseninitiative Basta. Zwei Basta-Mitstreiter*innen halten auf der Bühne einen Redebeitrag und kritisieren dabei unter anderem, dass unter dem Vorwand der »Sicherheit« Maßnahmen durchgesetzt werden, bei denen es tatsächlich um »Vertreibung«, um »Gängelung« und um »Ausgrenzung« geht. Zum Beispiel würden so »Platzverweise gegen obdachlose, bettelnde, Alkohol trinkende und drogenabhängige Personen verhängt«. Wohnungslosigkeit sei »ein gesellschaftliches Verbrechen«, so Basta.