Nach Zahlen des Wirtschaftsministeriums müssen in Thüringen[1] bis 2035 etwa 250 000 Arbeitskräfte ersetzt werden, vor allem, weil die sogenannte Boomer-Generation in den Ruhestand geht. Ein Teil dieser Arbeitskräfte wird sich nur durch Zuwanderung ersetzen lassen[2]. Die schon bestehenden Projekte, um Nicht-Deutsche zum Arbeiten nach Thüringen zu holen, sind zwar bisweilen im Einzelfall erfolgreich, aber die Gesamtzahl der so ins Land geholten Menschen reicht bei Weitem nicht aus, um einen so gewaltigen Bedarf zu decken. Die German Professional School (GPS) soll das ändern – und setzt dabei auf einen ganzheitlichen Ansatz.
Denn bei verschiedenen, kleineren Pilotprojekten zur Anwerbung von oft jungen Ausländern für hiesige Jobs hat sich in vielen Fällen gezeigt: Ohne eine umfassende Integration dieser Menschen schlägt die Ausbildung entweder fehl – oder, auch das gehört zur Wahrheit, die fertig ausgebildeten Fachkräfte verlassen Thüringen über kurz oder lang wieder[3], um dort hinzugehen, wo die Gesellschaft weltoffener ist beziehungsweise es eine größere Community von Menschen aus dem eigenen Herkunftsland gibt. Frankfurt, Berlin, Leipzig, das Ruhrgebiet, der Großraum Stuttgart …
Schon vor dem Anfang haben sie bei der GPS deshalb großen Wert darauf gelegt, stets und ständig zu betonen, dass es um viel mehr gehen muss als um den Arbeitsmarkt[4], wenn es wirklich gelingen soll, ausländische Fachkräfte für Thüringer Unternehmen zu gewinnen – und zwar langfristig. Alleine über Kontakte zu ihren Kollegen oder zu anderen Auszubildenden, da waren sich die Verantwortlichen bei der GPS schon bei der Konzeption dieser Schule sicher, wird sich so eine umfassende Integration der Menschen in Thüringen nicht sicherstellen lassen. »Natürlich helfen solche Kontakte«, hatte die Gründungs-Präsidentin der GPS, Katrin Langer, mal gesagt. »Aber es wäre zu viel von beiden Seiten verlangt, wenn man zugewanderte junge Menschen einfach so, ohne gründliche Vorbereitung in die Unternehmen schicken und ihnen dabei einfach nur sagen würde: ›Jetzt integriert euch mal!‹[5]«
Kernstück der GPS ist darum eine mehrmonatige Berufsvorbereitung, die an verschiedenen Standorten stattfindet, über den gesamten Freistaat verteilt. Dabei bekommen die Schüler nicht nur Sprachunterricht. »Politische Bildung und Wertevermittlung sind uns so wichtig, weil wir hier ja nicht nur mit zukünftigen Auszubildenden arbeiten, sondern auch mit zukünftigen Staatsbürgern unseres Landes«, beschrieb Langer das Konzept der Schule. »Wir wollen die Menschen wirklich, im umfassenden Wortsinn integrieren.«
Als Pilotprojekt des Thüringer Wirtschaftsministeriums hatte die GPS im März 2024 ihren Betrieb aufgenommen. Damals hieß es, Ziel sei es, dass bis September 2026 etwa 1000 Männer und Frauen die GPS durchlaufen – deutlich mehr Menschen, als in ähnlich gelagerten Projekten in der Vergangenheit. Der erste Durchgang bestand aus 91 Geflüchteten. Von ihnen hätten 71 in eine duale Ausbildung oder in Arbeit vermittelt werden können, sagt Frederike Krause, die Leiterin der GPS. »Das ist eine überragend gute Zahl.« Es habe eine sehr gute Zusammenarbeit mit den Unternehmen gegeben, »die unsere jungen Leute unbedingt haben wollten«. Im aktuellen, zweiten Schuldurchgang lernen seit dem 1. September 2024 etwa 170 Schüler an der GPS, die dann im Sommer eine Ausbildung beginnen sollen.
Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt aber am 1. September 2025: dann sollen in einem dritten Durchlauf 800 junge Menschen die Kurse der GPS besuchen. Krause räumt ein, dass das für die GPS eine große Herausforderung darstellen wird. Dann sagt sie einen Satz, der vor fast genau zehn Jahren Berühmtheit erlangte: »Ich denke aber: Wir schaffen das!«