nd-aktuell.de / 02.04.2025 / Kultur / Seite 1

Film »The Assessment«: Gutachter sagt Nein

Im Film »The Assessment« müssen Paare mit Kinderwunsch einen Eignungstest bestehen

Christin Odoj
Virginia (Alicia Vikander) ist Elterngutachterin und überschreitet dabei Grenzen.
Virginia (Alicia Vikander) ist Elterngutachterin und überschreitet dabei Grenzen.

Dass unsere Ressourcen auf der Erde endlich sind und sich daraus erhebliche Verteilungskämpfe ergeben werden, ist längst kein besonders origineller Blick mehr auf unsere Zukunft. Diverse Filme und Serien widmen sich ebenjenem Sujet. Mittlerweile kommt es nur noch auf Nuancen an. Bürgerkriegszustände, die Suche nach einem letzten Fleckchen Erde, auf dem noch Leben möglich ist oder unsere künftige Reproduktionspraxis: Das sind die großen Leitplanken der zukunftszugewandten Filme und Serien.

Insbesondere bei der Frage, wie wir uns künftig fortpflanzen, ist eine interessante Akzentverschiebung zu beobachten. Ist bei »Gattaca« (1997) noch zentral, sich mit moralischen und ethischen Fragen von Genmanipulation oder -auslese zu beschäftigen (Wollen wir das? Dürfen wir das überhaupt?), spielen solche Überlegungen bei aktuellen Kinoproduktionen wie »Baby to go« (2024) und nun auch im Spielfilmdebüt »The Assessment« der französischen Musik- und Werbevideo-Regisseurin Fleur Fortuné, schon gar keine Rolle mehr. Dass Leben nur noch künstlich entsteht, Eltern dabei entweder das nötige Geld besitzen oder genetisch wie gesellschaftlich privilegiert sind, wird als gegeben hingenommen.

Zweifel an der Art und Weise, wie neues Leben entsteht, gibt es nicht mehr. Die politischen Regeln, die bestimmen, dass nur noch wenige Menschen Kinder bekommen (dürfen) werden aufgrund immer knapper werdender Ressourcen anscheinend nicht hinterfragt. So geht es in beiden Filmen darum, dass Kinder bekommen darf, wer die nötige gesellschaftliche Stellung besitzt, dementsprechend auch das Geld hat, die teure Züchtung außerhalb der Gebärmutter zu bezahlen (Es steht wohl fest, dass die biologisch diskriminierende exklusive Gebärfähigkeit des weiblichen Körpers ein Ende hat).

Dass Leben nur noch künstlich entsteht, Eltern dabei entweder das nötige Geld besitzen oder genetisch wie gesellschaftlich privilegiert sind, wird als gegeben hingenommen.

Während sich »Baby to go« vor allem mit der Schwangerschaft in Dystopia beschäftigt, widmet sich »The Assessment« der Vorgeschichte jeder Elternschaft. Mia (Elizabeth Olsen) und Aaryan (Himesh Patel) wollen ein Kind bekommen und haben dafür schon die ersten Hürden genommen, indem sie für die Gesellschaft wichtige Berufe ausüben (Botanikerin und KI-Experte). Nun müssen sie sich wie in einem Assessmentcenter für hochbezahlte Bullshit-Jobs diversen Prüfungen unterziehen, um die staatliche Erlaubnis für ein Baby zu bekommen. Diese Tests sind aber keine Multiple-Choice-Fragebögen, dann hätte sich die Sache nach ein paar Stunden erledigt, sondern für den Eignungstest zieht für sieben Tage (Bibel!) die strenge Virginia (schon wieder Bibel!) gespielt von Alicia Vikander als Gutachterin ein. Kommt sie zu dem Urteil, dass die beiden nicht geeignet sind, war’s das für immer mit dem Kinderwunsch.

Alicia Vikander spielt diese Frau im Gouvernanten-Outfit inspiriert von den Amish oder dem Bund Deutscher Mädel so eiskalt und stoisch, dass man schon aufgrund ihrer Aura Angst bekommen muss, in diese Gesellschaft überhaupt ein Kind zu setzen. Beim Sex schaut sie auch noch zu, um herauszufinden, wie es in der Beziehung so um die Machtverhältnisse und das Vertrauen bestellt ist. Aber ihr spuky Auftreten wird noch krasser. Schon am zweiten Tag verhält sich Virginia wie ein zweijähriges Kleinkind, beschmeißt ihre neuen Eltern mit Essen, verwüstet die Wohnung. Mia und Aaryan sollen zeigen, dass sie das mit der bedürfnisorientierten Erziehung drauf haben. Die menschliche Angst davor, beurteilt zu werden, wird hier zum Dauerzustand, und schon allein daraus zieht der Film seinen Horror. Maximale Unsicherheit entsteht, weil keiner weiß, nach welchen Kriterien Mia und Aaryan überhaupt beurteilt werden.

Die Aufgaben, die Virginia den beiden stellt, werden immer skurriler, immer mehr fragt man sich, ob die Gutachterin ihre eigene Agenda hat oder ihr an Fremdscham nicht mehr zu überbietendes Verhalten noch zum »normalen« Prozedere gehört.

Regisseurin Fleur Fortuné entwirft in »The Assessment« eine faszinierend schaurige Welt. Der Film lebt größtenteils vom düsteren Interieur des Hauses, das an ein unterirdisches Schwimmbad oder eine 60er Jahre Sauna-Landschaft erinnert. Selten verlassen wir das Haus der beiden, das eher einem Bunker ähnelt als einem liebevoll eingerichteten Familiennest, die Fenster eher Schießscharten als Lichtquellen.

Der Film konzentriert sich sehr darauf, ästhetisch zu überzeugen, dabei kommt zu kurz, welche mehr oder weniger subtilen Auswirkungen die ständige Prüfungssituation auf die Beziehung von Mia und Aaryan eigentlich hat. Zwar ist es bei diesem Versuchsaufbau unumgänglich, dass es existenzielle Spannungen gibt, aber über die erwartbaren Konflikte geht dieses abgefahrene Kammerspiel nicht hinaus, inklusive eines am Ende unnötigen Plot-Twists, der der Geschichte dann noch das Parabelhafte nimmt. Abseits davon aber entwirft diese beklemmende Inszenierung eine Welt, die es mit allen Mitteln des Verstandes zu verhindern gilt. Momentan sieht es diesbezüglich jedoch etwas düster aus.

»The Assessment«: Großbritannien, Deutschland, USA 2024. Regie: Fleur Fortuné. Mit: Alicia Vikander, Elizabeth Olsen, Himesh Patel. 114 Min. Start: 3. April.