Als »Urvertrauen« bezeichnet die Entwicklungspsychologie das Grundgefühl, dass andere Menschen und die Umwelt mir nicht grundsätzlich feindselig gegenüberstehen. Kinder lernen in den ersten Lebensjahren, dass sie gefahrlos Bindungen zu anderen Menschen eingehen und sich in ihrer Umgebung unbefangen bewegen können. Um diese emotionale Sicherheit zu herzustellen, versuchen Eltern in der Regel, ihre Kinder von dem Wissen über den wirklichen Zustand der Welt eine Zeitlang abzuschirmen: Sie vermitteln ihnen das Gefühl, dass ihnen bestimmte Dinge einfach nicht zustoßen können.
Mein Urvertrauen wurde letzte Woche erschüttert, als ich auf Instagram ein Video angeschaut habe. Es zeigt, wie eine Frau in Somerville, Massachusetts – wo ich selbst vor einigen Jahren mal gelebt habe – von sechs maskierten Personen in ziviler Kleidung in einen unmarkierten Lieferwagen gezerrt wurde. Bei der Frau handelt es sich um Rumeysa Öztürk, eine Studentin aus der Türkei, die sich mit einem gültigen Visum in den USA aufhielt. Bei ihren Kidnappern handelt es sich um Mitarbeiter:innen der US-Abschiebebehörde ICE, die der völlig verängstigten Studentin mitteilten, ihr Visum sei widerrufen. Nachdem ihr Aufenthaltsort für über 24 Stunden unbekannt war, gab ICE zu, dass sie entgegen einem richterlichen Beschluss in das über 2000 Kilometer entfernte Louisiana in ein Abschiebegefängnis gebracht worden war, wo sie sich bis heute befindet. Als Grund für die Internierung gibt Außenminister Rubio an, dass Öztürk vor einem Jahr einen Artikel in einer Studierendenzeitschrift mitverfasst hatte, der sich für die Menschenrechte von Palästinenser:innen einsetzt.
Seitdem Donald Trump im Januar per Dekret eine verstärkte Überprüfung von Ausländern angeordnet hatte, kommt es immer wieder zu ähnlichen Horrorgeschichten. Drei Wochen zuvor war Mahmoud Khalil[1], ein pro-palästinensischer Aktivist an der Columbia University, von ICE aus New York entführt und nach Louisiana verschleppt worden. Im Guardian hat eine kanadische Unternehmerin ausführlich geschildert[2], wie sie an der Grenze verhaftet und für zwei Wochen ins Gefängnis gesteckt worden war. Zwei deutsche Touristinnen[3], die über die Grenze zu Mexiko einreisen wollten, wurden ebenfalls wochenlang festgehalten, zum Teil in Einzelhaft. Hunderte Venezuelaner[4] wurden – ohne Anklage oder Gerichtsprozess – für unbestimmte Zeit in ein Lager nach El Salvador verbracht, zum Teil aufgrund von Tattoos. Und so weiter.
Alle Studierenden und Lehrenden, die keine Staatsbürgerschaft besitzen, überdenken gerade ihre Reisepläne (inklusive mir). Wer trotz Bedenken reist, löscht Social Media Posts und Handy-Apps. Hier geht es wohlgemerkt um Menschen, die völlig legal im Land sind: Es kann jederzeit sein, dass ein Visum unbemerkt widerrufen und eine Verhaftung angeordnet wurde. Noch viel gravierender sind die Sorgen von illegalisierten Menschen, die häufig gar nicht mehr das Haus verlassen. ICE verbreitet eine universelle Atmosphäre der Angst: Jeder Vermieter, jeder Arbeitgeber, sogar jeder Bürger kann mit Denunziation bei ICE drohen. So verändert das Abschieberegime nicht nur das Verhältnis der Einzelnen zum Staat, sondern auch der Menschen untereinander: Sowohl Khalil, als auch Öztürk standen auf Listen, die zionistische Organisationen an die Regierung geschickt hatten.
Ein Verlust des Urvertrauens kann psychosoziales Leid hervorrufen. Aber es hat auch eine politische Dimension: permanente Ungewissheit untergräbt das Selbstbewusstsein, das man braucht, um die eigene Stimme zu erheben. Das Charakteristische an totaler Herrschaft, sagt Hannah Arendt, ist nicht die Gewalt, sondern die Unberechenbarkeit – das Wissen, das ständig alles passieren kann.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1190357.trumps-amerika-zerstoertes-urvertrauen.html