Fast jeder Siebtklässler nutzt heute lieber die Rechnerfunktion seines Smartphones für Matheaufgaben als den von der Schule bestellten Taschenrechner. Letzteren erklärte auch André Breitenreiter am Osterwochenende für »überflüssig«, was beim Trainer von Hannover 96 natürlich andere Gründe hatte: Da ist es einer leid, jede Woche aufs Neue vorher etwas auszurechnen, wenn nachher das Ergebnis nicht stimmt. »Die Liga ist verrückt[1]. Man weiß nie, wie die Spiele ausgehen«, sagte er nach 13 Zweitligaspielen mit Hannovers Fußballern.
»Das ist kein Zufall und auch kein Pech, dass wir nicht zuschlagen, um oben ranzurutschen«, das sagte Breitenreiter auch noch. Nach drei Pleiten hintereinander muss er vor dem Heimspiel am kommenden Sonntag gegen Spitzenreiter 1. FC Köln nun nicht mehr rechnen: Nachdem er am Mittwoch noch das Training geleitet hat, wurde er am späten Nachmittag von seinen Aufgaben entbunden. Breitenreiters Assistenzcoach Lars Barlemann sowie die beiden Nachwucchstrainer Dirk Lottner und Christian Schulz übernehmen das Team in den vier verbleibenden Spielen. Die Niedersachsen – in der Hinrunde zeitweise Spitzenreiter und jetzt sechs Zähler hinter dem Tabellendritten 1. FC Magdeburg[2] – werden wohl dennoch auch im siebten Jahr in Folge zweitklassig spielen.
Es war vorher klar, dass aus dieser Liga mit neun Gründungsmitgliedern der Bundesliga [3]einige Traditionsvereine wieder das Nachsehen haben werden. Die Trennung im Dezember von Trainer Stefan Leitl[4], der im Zuge des Hannoverschen Dreijahresplans in dieser Saison hätte aufsteigen sollen, wirkt im Nachhinein mindestens diskutabel. Routiniers wie Marcel Halstenberg oder Ron-Robert Zieler verrieten beim jüngsten 1:3 in Darmstadt mit ihrer Körpersprache Anflüge von Resignation. Die zwei ehemaligen Nationalspieler waren eigentlich an den Maschsee zurückgekommen, um noch mal etwas Erhebendes zu erleben. Nun steht der nächste Neuanfang an. »Nach den Resultaten der vergangenen Wochen ist klar: Wir müssen den Blick ab sofort auf die neue Saison richten«, sagte Sport-Geschäftsführer Marcus Mann am Mittwoch nach der Entlassung von Breitenreiter. Auch anderes spricht wieder mal für eine Neuausrichtung in Hannover. U21-Nationalstürmer Nicolo Tresoldi steht schon jetzt auf der Wunschliste mehrerer Bundesligisten.
Wer nicht aufsteigt, verliert seine Leistungsträger. Diesen Teufelskreis kennt auch der 1. FC Nürnberg: Der Verein, der sich mit neun Titeln mal Rekordmeister[5] nannte, ist zum Ausbildungsbetrieb geschrumpft. Anders kann er im Profifußball auch nicht mehr überleben. Bis Ostern hatte das junge Team von Trainer Miroslav Klose noch heimlich gehofft. Nun ist auf Platz acht mit fünf Punkten Rückstand auf Magdeburg auch im Frankenland die Ernüchterung eingekehrt. Ausgerechnet bei der beeindruckenden Choreografie zum 125-jährigen Bestehen des Vereins setzte es im Max-Morlock-Stadion eine 2:3-Heimpleite gegen den SC Paderborn.
Schmerzlich musste Weltmeister Klose ansehen, wie sein Team ohne den verletzten Torjäger Stefanos Tzimas und den mit einer Knieverletzung ausgeschiedenen U21-Nationalspieler Jens Castrop völlig den Faden verlor. Tzimas spielt ab Sommer für Brighton & Hove Albion in der Premier League, Castrop für Borussia Mönchengladbach[6] in der Bundesliga, wo der im Winter transferierte Finn Jeltsch mit dem VfB Stuttgart schon jetzt angekommen ist. Wie der 1. FC Nürnberg mit seinem begrenzten Budget da hinkommen soll, ist ein Rätsel.
Auch in der Hauptstadt rauchen die Köpfe, damit aus Hertha BSC[7] trotz aller finanziellen Zwänge wieder ein Bundesligist wird. Dafür haben sie den »Berliner Weg« ausgerufen, den ausgerechnet ein Urgestein jetzt nicht mehr mitgeht. Andreas »Zecke« Neuendorf hat sein Direktoren-Amt niedergelegt. Eine Personalie, die nur der Anfang eines Bebens sein könnte, an deren Ende die Verpflichtung von Jonas Boldt als neuem Sportchef an der Spree steht. Verantwortlich für die Akademie und den Lizenzspielerbereich hatte Neuendorf immerhin dafür gesorgt, dass Fabian Reese in der Hauptstadt blieb, wo am Freitag nun der Überraschungsdritte aus Magdeburg vorspielt. Der mit Abstand beste Spieler hat mit acht Toren in sechs Spielen die Hertha zuletzt fast im Alleingang über Wasser gehalten. Nun sollen mehrere Bundesligisten um den 27-Jährigen buhlen. Ohne die Identifikationsfigur wird es allerdings für die Alte Dame noch schwieriger, sich in erstklassige Gewänder zu hüllen.
In einem ähnlichen Dilemma agiert auch der FC Schalke 04. Wieder ist es eine Saison zum Vergessen in Gelsenkirchen, wo die fußballerischen Vorträge fast noch grauer als manche Stadtteile wirkten. Das ständige Chaos ist Teil der königsblauen Folklore, die dieser Verein immer wieder – gewollt oder ungewollt – bietet. Dass der niederländische Coach Kees van Wonderen den Vorstandsvorsitzenden Matthias Tillmann öffentlich anzählt – diesen Mut muss ein Klubangestellter erst mal aufbringen. Der Verein reagierte mit einer Gegendarstellung. Wieder einmal sind die Tage eines Trainers auf Schalke gezählt: Am Ende der Saison muss Kees van Wonderen gehen. Dies habe die Vereinsführung dem 56-jährigen Fußballlehrer mitgeteilt, hieß es in einer Erklärung am Mittwoch.
Auch wegen ständiger Wechsel auf Führungspositionen spielen viele Traditionsvereine nicht mehr in der Bundesliga – und packen eine Klasse darunter schon vier Spieltage vor Schluss die Taschenrechner weg, weil ihre Erfolgsformel wieder einmal nicht aufgegangen ist.