nd-aktuell.de / 13.10.2009 / Kultur / Seite 2

Gelungener Spagat

Im Gespräch mit Messechef Juergen Boos / Juergen Boos ist seit 2005 Direktor der Frankfurter Buchmesse

ND: Um China hat es schon vor Messebeginn heftige Debatten gegeben. Würden Sie heute etwas anders machen?
Boos: Zunächst einmal freuen wir uns auf das Gastland China. Die Einladung war eine richtige Entscheidung. Das Interesse und der Diskussionsbedarf sind sehr groß, und wir erhoffen uns einen spannenden, intensiven und fruchtbaren Diskurs mit und über China. Es war und ist wichtig für den Diskurs, dass wir auf etwa der Hälfte aller 500 China-Veranstaltungen kritischen Stimmen ein Podium bieten und Persönlichkeiten eingeladen haben, die einschlägige Beiträge liefern können.

Als Russland (2003), Türkei (2008) und die Arabische Welt (2004) in Frankfurt zu Gast waren, wurde auch über Meinungsfreiheit diskutiert. Was kann eine Messe bewirken?
Natürlich keine unmittelbare Verbesserung der Freiheitsrechte, aber den Gastländern ist immer bewusst gewesen, dass sie sich auf der Buchmesse der Weltöffentlichkeit präsentieren und dass ein interkultureller Dialog immer auch etwas im eigenen Land bewegen kann. Wenn wir an die Türkei denken, an die Eröffnungsreden von Orhan Pamuk und dem türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül, so wurden dabei Themen wie Zensur und die Einhaltung von Menschenrechten angesprochen. Solche Anstöße sind auch in diesem Jahr wünschenswert.

Wie stark dominiert ein Gastland die Frankfurter Buchmesse?
Dieses Jahr gibt es etwa 3000 Veranstaltungen, davon etwa ein Sechstel zu China. Stark vertreten sind zum Beispiel die amerikanischen und lateinamerikanischen Verleger, um hier ihre Geschäfte zu machen. Da hat jeder seine eigene Buchmesse im Kopf.Ich glaube, es bekommt jeder das, wonach er sucht.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, die Buchmesse sei zu kommerziell?
Die Buchmesse ist ein großer Marktplatz der Ideen und verbindet Menschen, Medien und Märkte. Den unterschiedlichen Erwartungen an die Buchmesse tragen wir Rechnung: Autoren bekommen eine Plattform, sich zu präsentieren; Verleger wichtige Impulse für ihre Geschäftsstrategie; Illustratoren und Übersetzer Anknüpfungspunkte zu neuen Projekten und der Besucher schließlich eine unglaublich Fülle an Anregungen. Genau dadurch gelingt uns der Spagat, auf der einen Seite wirtschaftlich zu handeln und auf der anderen Seite den internationalen kulturellen Dialog zu fördern.

Fragen: Ute Evers