Naive Gemüter glauben gern die fromme Legende, in der Politik seien Frauen weniger vom Ehrgeiz geplagt als Männer. Ein Blick auf den Namen Erika Steinbach in Zeitungen dieser Woche genügt, die damit verbundene Gipfelleistung frecher Selbstüberschätzung zu bestaunen.
Wir durften erfahren, die Dame verzichte gnädigerweise auf einen ihr gar nicht zugebilligten Sitz im Stiftungsrat des »Zentrums gegen Vertreibung« – das jedoch nur unter der Bedingung, dass Bundesregierung und Deutsches Historisches Museum sich einer größeren Anzahl von Alleinvertretern eines Vertriebenen-Opferstatus unterordnen. Kurz: Steinbachs Leute sollen dort das Sagen haben. Kühn gedacht, frech formuliert – die Überraschung war perfekt.
Die Dame brachte offensichtlich Bewegung in die leidige Sache: Es geschieht jedenfalls ein allgemeines Schütteln des Kopfes. Ja, gewiss, es gibt Ausnahmen. Wie etwa die hessische Wählerschaft, die ihr immer wieder ein CDU-Direktmandat für den Bundestag schenkt. Oder jene Funktionsträger des Vertriebenenverbandes, die sie wiederholt zur Chefin und nahezu einzig hörbaren Sprecherin kürten. Oder die gesamte CSU, die gute alte Traditionen nicht aufgeben mag – etwa die der starken Worte gegen jede Vertreibung, die sie nicht selbst betreibt. Oder große Teile einer CDU, die extreme Geltungsbedürftigkeit in ihren Reihen mit Bewunderung adelt. Oder all die Herrschaften, die Versöhnung von anderen auf dem Tablett serviert bekommen möchten.
Politische Vernunft dagegen wiegt bedenklich den Kopf. Hat sie die Medien auf ihrer Seite? Gebetsmühlenartig wird da wiederholt, die Rücksicht auf übertriebene polnische Befindlichkeit gebiete Mäßigung. Gerade hat der polnische Historiker Tomasz Szarota mit Blick auf die Haltung der Dame S. die Kooperation zu dem Projekt »Flucht, Vertreibung, Versöhnung« aufgekündigt. Aber brauchen wir polnischen Nachhilfeunterricht, die militante Opferideologie der Dame zu durchschauen?
1943 wurde sie als Tochter eines hessischen Besatzungssoldaten in Rumia (Rahmel) geboren. Der Vater erlag offenbar der Versuchung, auf traditionell polnischem Territorium im »Reichsgau Danzig-Westpreußen« als sogenannter »Volksdeutscher« zu siedeln.
Ist das wirklich nur ein polnisches Problem, wenn die von diesem Vorhaben »vertriebene« Familie nun einen bemitleidenswerten Opferstatus für sich in Anspruch nimmt? Und die leibliche Tochter einer praktizierten Ostexpansion nun ihr gestörtes Polenverhältnis ihrem Verhalten im Deutschen Bundestag zu Oder-Neiße-Grenze und EU-Beitritt zugrunde legt? Und den Eindruck entstehen lässt, damit im Namen von Millionen heimatvertriebener Familien zu sprechen? Die Dame – inzwischen der überlebensgroße Inbegriff deutschen Vertriebenseins?
Das Ganze hat eine pikante künstlerische Dimension. Denn Klein-Erika lernte einst in Hanau Geige, und wenn sie sich nicht die Hand verletzt hätte, spielte sie heute nicht politisch beim BdV, sondern vielleicht in einem renommierten Orchester die erste Geige. Da denken wir nun, die Violine sei als sensibel gehandhabtes Instrument der Inbegriff zarter weiblicher Anmut. Und nun muss uns eine gelernte Violinistin mit rabiaten Auftritten und im Laufe ihrer Laufbahn immer schriller werdenden Tönen das Gegenteil beweisen. Wir wissen: Selbst als erste Geigerin muss man das ausführen, was der Dirigent vorgibt. Wieder Pech. Denn ihr Ehegatte, der Dirigent Helmut Steinbach, hat ihr beim BdV gar nichts zu sagen. Dafür hat sich nun Guido Westerwelle als Vormund gemeldet. Ja aber – würden Sie auf Anhieb das tun, was einer wie der Ihnen sagt?
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/162633.wenn-sie-doch-nur-geigen-wuerde.html