Es war eine schreckliche Tat. Sie ist fünf Jahre her. Doch die Debatte bleibt bis heute von Vorurteilen geprägt. Hatun Sürücü wurde von ihrem jüngeren Bruder in Berlin erschossen, weil ihm die Lebensweise seiner Schwester missfiel. Ein sogenannter Ehrenmord. Zurecht wurde die abscheuliche Tat verurteilt. Doch weder die Politik noch die Medien haben sich um ein neues, ein differenzierteres Bild bemüht.
Ganz im Gegenteil. Einigen Politikern war es Anlass, sich über die angeblich mangelnde Integrationsbereitschaft von Migrantinnen und Migranten auszulassen. Wer sich nicht integrieren wolle, dem solle man Sozialleistungen kürzen, und er sollte in seine Heimat zurückkehren. Doch so einfach ist das nicht. Erstens beziehen nicht alle Migranten Sozialleistungen. Zweitens ist der Täter, Hatuns Bruder Ayhan, in Berlin geboren. Seine Heimat heißt Kreuzberg. Auch die Medien sprangen auf den Zug der Vorurteile auf und zogen sofort Parallelen zur Religion. »Junge Muslimin erschossen« oder »Der Täter folgt nur zwei Gesetzen, denen des Kiezes und denen des Korans«, hieß es auch in seriösen Medien. Vorurteile, die fünf Jahre danach noch immer bestehen.
Die Vermutung, hinter jedem Verbrechen stecke der Islam – obwohl es vielmehr um gesellschaftliche und kulturelle Motive geht –, ist nicht nur falsch und dumm, sondern auch gefährlich. Sie nährt den Boden für Islamophobie, lässt Vorurteile wachsen und führt auch noch dazu, dass sich muslimische Mitbürger abgestempelt und missverstanden fühlen. So sorgt man für das Gegenteil: Man verhindert die Integration, die man doch angeblich so gerne hätte.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/164575.abgestempelt.html