Viel zu oft laufen linksradikale Kampagnen nach einem ähnlichen Schema ab. Da wird ein Thema entdeckt, problematisiert und in die Öffentlichkeit getragen – nach Demonstrationen, Veranstaltungen flaut das Interesse ab, das erarbeitete Wissen wird nicht für Nachkommende konserviert, sondern wieder vergessen. Erfreulicherweise ist das im Fall der linken Diskussion zur Kontroverse um ein Vertreibungszentrum in Berlin ein wenig anders gelaufen. Der temporäre Zusammenschluss Arbeitskreis Geschichtspolitische Interventionen (AGI) hat sich nämlich noch mal nach einer größeren Veranstaltung, Worksshops sowie Straßenprotesten die Mühe gemacht, die Erfahrungen aus der Kritik an dem geplanten Zentrum für Vertreibungen in Berlin in einer Broschüre zusammenzufassen.
Herausgekommen ist eine Schrift in einem ansprechenden Layout, die auf 25 Seiten die Debatte und die verschiedenen Sichten auf das Thema zusammenfasst. Abgerundet werden die Texte durch Infoboxen, in denen Protagonisten und Fragestellung präzise mit Fakten unterlegt werden. So zum »Bund der Vertriebenen«, der Fragestellung, »Wie wird man ›Vertriebene/r‹?« oder den »Opferzahlen« unter Deutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in diesem Rahmen starben.
Insbesondere mit dem Mythos, das Leid sei völlig »unvorhergesehen« und »überraschend« über die Bewohner der damaligen deutschen Ostgebiete hereingebrochen, wird in der Broschüre aufgeräumt. Dazu gehört auch die Dekonstruktion des Strategiewechsels innerhalb des BdV selbst. Personalisiert durch die Vorsitzende Erika Steinbach, die seit ihrer Wahl 1998 stetig daran arbeitet, eine integrative Strategie zu verfolgen und den Verband aus der rechten Ecke zu führen: Dies spiegelt sich auch im Namen des Zentrums für Vertreibungen wieder. Denn Vertreibungen werden jetzt im Plural benannt. »Die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten ist dann nur eine unter vielen im 20. Jahrhundert. In den bisher gezeigten Ausstellungen lag der Schwerpunkt dennoch auf der Vertreibung der Deutschen nach 1945«, schreibt im einleitenden Beitrag Astrid Homann.
Der große Verdienst der Broschüre liegt neben der Zusammenfassung der deutschen Debatte darin, auch die Kontroverse aus polnischer Perspektive nachzuzeichnen. In einem Beitrag legt etwa der Historiker Robert Zurek dar, warum Steinbach die »Geschichte umkrempeln« will. An anderer Stelle wird ein alternatives Konzept eines Museums zum Zweiten Weltkrieg in Gdansk unter die Lupe genommen. Die Broschüre findet sich glücklicherweise auch im Netz.
Arbeitskreis Geschichtspolitische Interventionen (Hg.): Jenseits von Steinbach. Zur Kontroverse um ein Vertreibungszentrum im Kontext des deutschen Opferdiskurses.
Internet: agi.blogsport.de[1]
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/168545.kontroverse-jenseits-von-steinbach.html