nd-aktuell.de / 03.05.2010 / Kultur / Seite 16

Tatkraft und Trotz

Kurt Pätzold 80

Mario Keßler

Mit zunehmendem Alter ist er ganz sicher weiser, doch keinesfalls versöhnlicher geworden. Er bleibt ein Gegner all derer, die den Völkermord an den Juden und anderen sogenannten »Lebensunwerten« zum bloßen Betriebsunfall der Geschichte oder zur Reaktion auf die »bolschewistische Bedrohung« herunterschwindeln wollen.

Über sein Leben und Wirken hat Kurt Pätzold in seiner sehr lesenswerten Autobiografie »Die Geschichte kennt kein Pardon« Auskunft gegeben. Am 3. Mai 1930 in Breslau in einer antifaschistische Familie geboren – sein Vater gehörte der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands an –, ließ sich der junge Pätzold nicht von der »Blut-und-Boden«-Ideologie vereinnahmen. Doch gehörte er zu denen, die 1945 ihren Geburtsort verlassen mussten, der nun an Polen fiel. Es blieb kein Raum für Ressentiments. Die Frage, wer für den Krieg und seine Auswirkungen verantwortlich war, ließ Kurt Pätzold zeitlebens nicht mehr los.

1973 berief ihn die Humboldt-Universität zum Professor für deutsche Geschichte. Wisssenschaftlich ausgewiesen dafür hatte er sich mit seiner Promotion B über die Anfänge der antisemitischen Politik des Hitlerregimes 1933 bis 1935. Sie erschien 1975 unter dem Titel »Faschismus-Rassenwahn-Judenverfolgung« als Buch und bildete den Auftakt zu einer Serie höchst lesenswerter Standardwerke zum Tema: Genannt seien die in mehreren Auflagen erschienene Geschichte der NSDAP, Biografien von Hitler und Rudolf Hess, Spezialstudien zu Mördern der zweiten Reihe wie Franz Novak...Nicht wenige dieser Bücher sind Gemeinschaftsarbeiten mit dem Jenaer Freund Manfred Weißbecker.

Pätzolds Lehrtätigkeit an der Humboldt-Universität fand 1992 ein vorzeitiges Ende. Kein Ende fand die immense Forschungs- und Vortragstätigkeit. Seine Wortmeldungen zur Geschichte des deutschen und europäischen Faschismus wie der Umgang mit dessen Folgen gehören zum Gehaltvollsten, was die deutsche Öffentlichkeit zu lesen bekommt. Der Marxist Pätzold macht sich – wen wundert's – nicht nur Freunde. Damit kann er gut leben. Frei von jeder Larmoyanz, mit einem guten Schuss an Trotz gegenüber den Moden des Zeitgeistes.