nd-aktuell.de / 23.06.2010 / Kultur / Seite 13

Einwürfe, Fußnoten

Fußball-WM (9):

DIESER SELTSAME Sport ist eben nicht zu trennen vom schönen Unsinn, darüber nachzudenken. Grad sagt Messi im Fernsehen, er wolle Weltmeister werden, »aber wie das klappen kann, darüber haben wir, ehrlich gesagt, noch nicht so richtig nachgedacht«, und er schaut jetzt auf seinen Trainer Maradona, und der schaut auf dieser Pressekonferenz staunend zurück: wie genial ihm Messi doch genau jenen Gedanken aus dem ballrunden Kopf spitzelte, den er auch grad hatte. Den er eigentlich immer hat. Argentiniens Mannschaft spielt vielleicht deshalb so gut: Sie hat einen Trainer, braucht ihn aber nicht wirklich. Am wenigsten seine Gedanken.

Manchmal wirkt der rührende Maradona in dieser Hinsicht wie Lothar Matthäus: Irgendwie ist der Kopf nicht der richtige Ort für jene geniale Beinarbeit, deretwegen man berühmt wurde. Irgendwie ist der Kopf zu klein für lange Pässe, andererseits aber auch zu groß, wenn man viele Jahre nur lange Pässe im Sinn hatte.

Aber im Gegensatz zu Matthäus ahnt Maradona was vom Unterschied zwischen Ideen am Fuß und Gedanken, die Hand und Fuß haben, und also sagt er vorsichtshalber: »Ich bin ja nur Aura, kein Lehrer.« Nur!? Was für ein starker Satz. Er erklärt das Geheimnis jeder Regie: Sie ist am besten, wenn sie den Eindruck erzeugt, sie sei gar nicht nötig.

Zum Denken beim Fußball passt auch Klaus Theweleits Buch »Tor zur Welt«, ein Werk über »Fußball als Realitätsmodell«. Er stellt fest, dass es sich beim Denken um eine Qualität handelt, »die nicht an Gegenstände gebunden ist, an Inhalte also, es ist eine Daseinsweise«. Verflogene politische Utopien, so der Linke Theweleit, hätten deshalb gerade bei »Unsereinem zur Intellektualisierung der Fußball-Liebe geführt«. Aha, Fußball als neues Spielfeld etwa fürs marxistische Denken – immerhin mit einem nicht zu unterschätzenden Anreiz: Fußball ist weit komplizierter als die sogenannte wissenschaftliche Weltanschauung, und: Im Fußball fielen bislang weniger Eigentore. Außerdem: Der Schießbefehl hat eine tolle Konsequenz – die Schützen mit der Kugel stehen vor jeder Mauer, um mit gezielten Schüssen deren Überwindung zu betreiben, nicht, diese zu verhindern.
Sabine Stefan


ES IST PHYSIKALISCH ganz einfach, es ist nämlich nichts weiter als das Gegenteil vom Magnus-Effekt, bei dem sich der Ball bekanntlich fliegend um die eigene Achse dreht. Also: Man braucht bloß für Verwirblungen an den Ballseiten zu sorgen, die dadurch entstehen, dass ein spezieller Schuss die Luft so vor sich her schiebt, dass die auf den Ball drückt und dann natürlich, in Auswirkung besagter Verwirblungen und gleichzeitiger Ausnutzung der günstigen Tatsache, dass heutige Bälle reduzierte Nähte oder Klebestellen haben, kommt es logischerweise zu jenem Flattern, das den Richtungswinkel des fliegenden Balles blitzartig verändert.

Wirklich, ganz einfach. So funktionieren die besten Freistöße der Welt, Christiano Ronaldos Schüsse, die hoch aufs Tor zufliegen, um sich dann kurz davor unberechenbar abzusenken. Oft ins Tor. Aus physikalischer Sicht also ganz klar. Nimmt man noch hinzu, dass der rechte Spann des Portugiesen genau gegen den Ballmittelpunkt trifft, während die Fußspitze den Boden berührt und also der Ball garantiert nicht jenen Effet bekommt, der die Flugbahn stabilisiert, dann … nee, nee, Schluss, dann ist einem schon lieber, es ginge noch viel, viel einfacher und Podolski schießt heute gegen Ghana wieder einen Elfmeter. So weit ist es gekommen: Nach derart komplizierter Physik ist einem glatt egal, wohin er schießt …
Hans-Dieter Schütt