Sechsundneunzig Jahre Krieg und kein Ende. Überhaupt ist eine gleichsam naturgegebene Gewalt längst schon zum alleinigen Sinn und Zweck des Lebens geworden. Dafür steht in eiserner Überzeugung der namenlose Schweizer »Parteikommissär« mit seinem Auftrag, Verräter und Unzuverlässige aufzuspüren. Wie das? Die kommunistische Revolution hat nicht im Osten, sondern im beschaulichen Alpenland stattgefunden, weil Lenin dort gar nicht herausgekommen ist ...
Der Schweizer Christian Kracht wählt diesen Ausgangspunkt für seinen Roman »Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten«. Die Welt ist aus den Fugen. Keiner weiß, wofür, wogegen er kämpft, welches Land gerade unter welcher Herrschaft steht.
In der neuen Schweiz und darum herum befindet sich alles in unaufhaltbarer Zersetzung. Nur geschossen, erobert, zerstört, gefoltert, hingerichtet wird weiter. Mythische Elemente überlagern die ohnehin nur noch rudimentären Lebensformen, grausam Märchenhaftes, Verrücktes bricht sich Bahn. Im unterhöhlten Alpenmassiv fand die Hölle ihren Platz.
Armin Petras hat auch dieses epische Werk bearbeitet und nun im Studio des Maxim Gorki Theaters als Koproduktion mit dem Staatstheater Stuttgart auf die Bühne geschickt. Düsternis herrscht, und in einem wie von Hexen gezogenen Kreis findet gespenstisches Treiben statt, mit unheilschwangeren ideologischen Debatten und brutalen Kämpfen bis auf die nackte Haut. Menschen verwandeln sich in Puppen (Puppenbau: Oliver Köhler) und wieder zurück, Masken schützen Ungeheuer – schier undurchdringliche Geheimnisse walten. Über die Wände des grauen Bühnen-Kastens (Raum/Licht: Norman Plathe) ziehen Bilder, Videos, verwischt, aber auch schreckhaft plakativ.
Im kleinen Studio ist viel Waffengetöse und anderes Gelärm zu ertragen, manche knallige Grausamkeit auch. Petras will überbordende Sinnlichkeit, seine sechs Darsteller setztn sich kraftvoll und fantasiereich ein – aber wohin soll das Ganze? Afrika wird, bei Kraft und Petras, zu einer Art Ausrede. Wenn nichts mehr geht, der schwarze Kontinent ist noch da. Schwarze Schminke auch.
Nächste Vorstellung: 5. Januar
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/185935.hoelle-unter-den-alpen.html