nd-aktuell.de / 05.03.2011 / Kultur / Seite 32

Brechts Freude, Fontanes Warnung

Noch ist Winter. Aber: Gegen Froststreifen rücken schon »wärmende Gemütsstreifen« an, wie Ingeborg Bachmann das nannte. Die Kalender schalten sich schon zu – mit Beihilfe zum Frühling. Ein Gedichtstreifen von kommender Zeit.
In eine Schiefertafel eingegraben
kehrt die Kindheit zurück:
Das Gras richtet sich auf und horcht..
(Aus »März« von Günter Eich)

Maßlos ist das Wachstum der Bäume und Gräser
Im Frühjahr.
Ohne Unterlaß fruchtbar
Ist der Wald, sind die Wiesen, die Felder.
Und es gebiert die Erde das Neue
Ohne Vorsicht.
(Aus: »Das Frühjahr« von Bertolt Brecht)

Jeder Frühling beginnt mit Übertreibungen.
Wie atemlos, dieses Rascheln. Ein Farbstift
wird unruhig, und ein Staatsstreich kommt
aus der Luft, die Marseillaise der Vögel -–
ein unwiderstehlicher Text. Über Nacht
kennt ihn jeder. Früher seufzte man,
man hätte mehr Zeit. Heute
ist alles rasch und endgültig grün.
(Aus: »Jahreszeiten« von Karl Krolow)

Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiß die Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.
(Aus: »Frühlingsglaube« von Ludwig Uhland)

Wohl zögert auch das alte Herz
Und atmet noch nicht frei,
Es bangt und sorgt: »Es ist erst März
Und März ist noch nicht Mai.«
(Aus »Frühling« von Theodor Fontane)