Horst Schulze und die Klassiker, das ist eine Liebesbeziehung – eine Wahlverwandtschaft mit glücklichem Dritten im Bunde, dem Zuschauer. Ohne große, also lebensverändernde Texte glaubt er sich seinen Beruf nicht. Und immer noch tritt er in Dresden mit seinem »Faust«-Programm auf, geht den Weg des Wissen-Wollens weiter. Für diesen Schauspieler sind große Texte nie zu Ende gelesen.
Das, was leicht als bildungsbürgerlichen Festungsmentalität gegen den Zeitgeist missverstanden werden könnte, kommt bei Schulze jedoch aus einer anderen Quelle: Dem beglückenden Erlebnis von selbstgewonnener Erkenntnis, deren Strahlkraft bis heute anhält. Jeder wirklich am Leben Gebildete ist ein Autodidakt, denn er lässt sich um seine Erfahrung nicht betrügen. Schulze, Sohn eines Dresdner Arbeiters, wurde mit 16 Autoschlosserlehrling – dann kam etwas Entscheidendes dazwischen: Leidenschaft für Oper, Theater. Der angehende Autoschlosser fand nun, nach einigem Unterricht, seine erste Rolle: in Lorzings »Der Waffenschmied«.
Schulze verkörpert das aristokratische Potential des Arbeiters, seinen unstillbaren Bildungshunger – das war lange vor der Zeit, da man körperliche Arbeit als Unterschichtentätigkeit zu denunzieren begann. Nach dem Krieg kam er ins zerbombte Dresden zurück. In einer Dachstube begann das neue Leben – an der Dresdner Volksoper. Als seine Frau ans Zittauer Theater engagiert wurde, ging er mit, jedoch nur unter der Bedingung, dort die Klassiker spielen zu dürfen. Er durfte (bald auch in Weimar) und darf bis heute – mit aller ungebrochener Leidenschaft wie sein Sohn, der Schauspieler und Neustrelitzer Intendant Ralf-Peter Schulze versichert. Man glaubt ihm das Glück, Franz Moor gewesen zu sein, Hamlet, Posa oder Wallenstein. An der Berliner Staatsoper sang er den Papageno und am Metropoltheater den Higgins in »My fair Lady«.
Die DEFA kam und versuchte (welch Kontrastprogramm!), aus ihm einen Führer der Arbeiterklasse zu machen. Für seine Rollen als Liebknecht (1966) und Beimler (1969) bekam er Nationalpreise. Bleiben aber wird sein Instetten in »Effi Briest« (1970). Wie er der Trockenheit dieser in Konventionen gefangenen Seele solch eine Strahlkraft zu geben vermochte! Auch Ausflüge in den Indianerfilm mit »Weiße Wölfe« (1969) und »Osceola« (1971) sind schauspielerische Hochseilakte. In ersterem bildet er mit Rolf Hoppe ein morbides Duo des Bösen, gegenüber deren Darstellungsintensität (und historischem Realismus der Indianerausrottung!) die beiden Ikonen der Arbeiterbewegung blass blieben.
Mit Hoppe und dessen Dresdner Hoftheater verbindet Horst Schulze immer noch viel: Zuletzt war er dort in »Kur in Marienbad« zu sehen. Worum es da geht? Um Goethe natürlich.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/196123.der-unentwegte-wanderer.html