nd-aktuell.de / 30.04.2011 / Kultur / Seite 32

Rasch Hour

Rush Hour. Ja, rasch. Schnell jedoch wäre nicht rasch genug. Die Menschen auf dieser Straße: von fotografischer Technik ins Verwischte getrieben; die Kamera fertigt quasi mit einem Riss-Schwenk ein Bild moderner Existenz ein.

Man betrachte sich, an beliebiger städtischer Stelle, die Symptome. Diese schreckhaft aufgerissenen Augen. Diese gehetzten Gesichter. Dieses Luftschnappen. Manchmal so ganz unsichere, zitternde Beine. Jetzt vorwärts!, tapfer! ... Worum es geht? Es ist, als ob die Menschen, im Willen, eine Straßenkreuzung zu überqueren, um ihr Leben rennen müssen.

Wo ihnen doch – und dies ist das Bemerkenswerte – die Ampel verlässlich ein Grün zeigt oder ein Zebrastreifen ihnen Sicherheit verspricht ...

Einiges scheint damit gesagt über den rasend gewordenen Charakter unserer Zeit.

Hans-Dieter Schütt

Rainer Maria Rilke: Die großen Städte

Die großen Städte sind nicht wahr; sie täuschen
den Tag, die Nacht, die Tiere und das Kind;
ihr Schweigen lügt, sie lügen mit Geräuschen
und mit den Dingen, welche willig sind.
Nichts von dem weiten wirklichen Geschehen,
das sich um dich, du Werdender, bewegt,
geschieht in ihnen. Deiner Winde Wehen
fällt in die Gassen, die es anders drehen,
ihr Rauschen wird im Hin- und Wiedergehen
verwirrt, gereizt und aufgeregt.
Sie kommen auch zu Beeten und Alleen -:

(Aus: »Das Stundenbuch«, 1903)