nd-aktuell.de / 26.07.2011 / Kultur / Seite 15

Die direkte Linie – unzulässig

Von Wagners Antisemitismus eine direkte Linie zum Antisemitismus der Nationalsozialisten ziehen zu wollen, ist so unzulässig, als wollte man Nietzsches Philosophie zur Grundlage der Rassenlehren erklären, Goethes Faust zum Urbild nationalsozialistischen Sendungsbewusstseins und Expansionsdranges abstempeln. Oder Liszts sinfonische Dichtung »Les Préludes« als nazistische Sieges-Musik, Bruckner als »Sinnbild der geistigen und seelischen Schicksalsgemeinschaft des deutschen Volkes«, Beethovens 5. Symphonie als Darstellung des »Lebenswegs des Führers« (wie der NS-Musikwissenschaftler Arnold Schering ausführte), die Opern Mozarts als »völkisch«, die Werke von Bach, Buxtehude, Schütz als »nordisch« auffassen – nur weil Nationalsozialisten Nietzsche, Goethe und Liszt, Bruckner, Beethoven, Mozart, Bach, Buxtehude und Schütz ihrer Ideologie gewaltsam einverleibten.

So unabsehbar folgenreich die Wirkung Wagners im 20. Jahrhundert sein sollte: den Antisemitismus Wagners vom Betroffensein der Nachwelt aus zu betrachten und zu beurteilen hieße, die Kausalität der Geschichte, wenn es denn eine gibt, auf den Kopf zu stellen. Es hieße aber auch, das Spezifische des Wagnerschen Antisemitismus zu ignorieren, seine Brüchigkeit, Widersprüchlichkeit und seine politische Intention, die frühsozialistischem Gedankengut verpflichtet ist und letztlich auf Assimilation abzielt und im krassen Gegensatz zum aufkommenden Rassenantisemitismus steht.

Aus: Dieter David Scholz: Wagners Antisemitismus ... (2000), zitiert aus den Materialien eines Online-Workshops der Stadt Bayreuth zum heutigen Konzert