nd-aktuell.de / 13.08.2011 / Politik / Seite 6

»Zerbrochene Gesellschaft«

Cameron wollte im Unterhaus stark sein und wirkte doch nur müde

Ian King, London
David Cameron markierte den starken Mann, sprach von »Kriminalität pur«. Niemand solle auf den Straßen Angst haben, Bandenbekämpfung sei an der Tagesordnung, wenn nötig durchs Militär. Verbrecher würden aufgespürt und verurteilt, die »zerbrochene Gesellschaft« mit gewaltverherrlichender Kultur würde der Konservative wieder zusammenkitten.

Das Unterhaus hörte dem Premier am Donnerstag zu, wirkte jedoch wenig überzeugt. Schließlich verkörperten die Plünderer von Plasmafernsehern die Maxime der Thatcher-Jahre: »Gier ist gut«, wollten wie die Börsenspekulanten und Investmentbanker vor allem schnell reich werden, wenn auch in bescheidenerem Maße. Die Armee, die in Afghanistan dezimiert wird und in Libyen Bomben abwirft, wäre nicht nur in englischen Großstädten fehl am Platz, sie ist auch zahlenmäßig zu schwach für Rieseneinsätze. Und Cameron selber hat Englands Polizeihaushalte um 20 Prozent gekürzt; trotz der Beschwörungen des Oppositionsführers Ed Miliband hält er an den Streichungen unbeirrt fest. Der Premier wollte stark sein und wirkte doch nur müde.

Nicht Karl Marx oder Pierre-Joseph Proudhon (»Eigentum ist Diebstahl«) hatten bei den Unruhen Pate gestanden, sondern höchstens die Gurus der Konsumgesellschaft und junge Männer, die sich von Massenhysterie anstecken ließen. Das machte sie zwar nicht weniger gefährlich, aber vor Gericht erschienen die meisten plötzlich allein und hilflos. Handys oder Sportschuhe, gar eine Flasche Mineralwasser sind mit einer Gefängnisstrafe und einem Eintrag ins Strafregister teuer erkauft.

Vor Londoner Amtsgerichten machten indes keine Teenager, sondern 20- bis 24-Jährige die größte Gruppe aus. Zu den Angeklagten gehörten nicht nur sozial diskriminierte Schwarze, sondern auch Studenten, eine Schulassistentin und sogar die Tochter eines Millionärs.

Edelmut im Unglück gab's aber auch. Die Bürger, die nach den Krawallen die Trümmer aufräumten – und dem aus dem Urlaub zurückgekehrten Londoner Oberbürgermeister Boris Johnson die Leviten lasen – gaben ein positives Beispiel ab. Vor allem der aus Pakistan stammende Tariq Jahan, dessen 21-jähriger Sohn Haroon zu den drei Ermordeten in Birmingham gehörte, die ihr Viertel vor Räubern schützen wollten. »Ich habe meinen Sohn verloren. Schwarze, Asiaten, Weiße – wir leben alle in derselben Gemeinschaft. Warum müssen wir einander töten? Wer auch seinen Sohn verlieren will, der soll nach vorn treten. Sonst beruhigt euch und geht nach Hause.« Schade, dass David Cameron im Vergleich dazu nur kleinkarierte, parteitaktische Vokabeln fand.