Nicht mehr vom Alkohol kontrolliert zu werden – das soll Wunsch, muss aber nicht Ziel für die Bewohner der Wohngemeinschaft »CumFide« (lat. mit Schutz, Vertrauen, Glauben) sein, die am Donnerstag in der evangelischen Stadtmission am Hauptbahnhof eröffnet wurde. Zunächst ziehen sieben Bewohner in die Zimmer der frisch renovierten Gemeinschaftswohnung. Die 375 Euro Miete übernehmen das Sozialamt oder das Jobcenter.
Vor allem ehemals obdachlose Alkoholkranke sollen über den Wohnverbund soziale Kompetenzen und Verpflichtungen neu erlernen, um eine zunehmende Verwahrlosung und Isolation zu stoppen. Im kommenden Jahr wird es einen Stockwerk höher noch eine weitere Wohngemeinschaft geben. Wer sich bewährt, kann später in eine der fünf Einzelwohnungen umziehen, die es in der Nähe zum Projekt geben soll.
Das Ziel des therapeutisch betreuten Wohnverbundes ist es, Vertrauen aufzubauen und ein Gemeinschaftsgefühl unter den Bewohnern zu entwickeln. Dabei werden sie von Fachkräften wie Sozialarbeitern und Krankenschwestern fast rund um die Uhr betreut und unterstützt. Diese stehen ihnen mit Rat zu grundlegenden Dingen wie Körperhygiene, Tagesstruktur und Lebensmotivation bei. Auch einen individuellen Betreuungsplan mit selbst gesteckten Zielen sowie Gruppengespräche wird es geben. Die Leitidee aber setzt auf Selbstbestimmung und Verantwortung. Einzig festgelegter Tagespunkt ist das gemeinsame Frühstück um 9 Uhr.
»Das Gemeinschaftsgefühl der Bewohner soll gestärkt werden, nicht der Kontakt zu professionellen Therapeuten«, sagte Roberta Seliger, Leiterin des Wohnprojekts.
Ein medizinisch begleiteter Alkoholentzug ist nicht im Behandlungsplan vorgesehen. Die Bewohner dürfen auf ihren Zimmern Bier konsumieren, ein striktes Limit oder regelmäßige Kontrollen gibt es nicht. »Nasse Einrichtung« werden Konzepte wie »CumFide« in der Fachsprache genannt. Einzig harter Alkohol ist verboten. Auch das gemeinschaftliche Trinken in der WG-Küche oder auf den Zimmern ist nicht erlaubt. Nur wer sich überhaupt nicht in die Gemeinschaft einbringt und sich regelmäßig bis zur Besinnungslosigkeit betrinkt, muss mit einem Ausschluss aus dem Projekt rechnen.
Viele der Bewohner sind bereits aus anderen Einrichtungen entlassen worden, teils mehrfach, und weil sie trotz Therapie nicht ohne Alkohol leben konnten. Herkömmliche Therapieansätze und abstinenzorientierte Konzepte haben ihnen bislang nicht geholfen. Für diese Menschen ist »CumFide« wohl die letzte Anlaufstation.
Bis der Einzug von den zuständigen Ämtern bewilligt wird, können jedoch Monate vergehen. Zur Zeit hat die Wohngemeinschaft erst zwei feste Bewohner, bei drei weiteren wird das Gutachten des Sozialpsychiatrischen Dienstes entscheiden, ob sie für das Projekt geeignet sind. Prinzipiell steht die Wohngemeinschaft allen Hilfebedürftigen offen, die im Bezirk Mitte gemeldet sind, nur akut Suizidgefährdete, Pflegepatienten oder Personen mit schweren Persönlichkeitsstörungen werden nicht aufgenommen.
Ansonsten soll es zugehen wie in jeder gewöhnlichen Wohngemeinschaft auch. Im Regal auf dem bunt gestrichenen Flur stehen Bücher von Schiller, Lessing und Böll. Die Bewohner können ihre Zimmer selbst gestalten, geplant sind Koch- und DVD-Abende.
Thomas Schweitzer, einer der ersten Bewohner bei »CumFide«, der schon eine sechswöchige Entgiftungskur im Krankenhaus hinter sich hat, sagt, er möchte sich hier endlich ein richtiges Leben aufbauen. Nur das regelmäßige Putzen, gesteht er, das mag er gar nicht.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/207965.nicht-ohne-eine-molle.html