Bekanntlich würde kein Tier seine Kraft darauf verschwenden, mit einem Artgenossen nur um des Sieges willen um die Wette zu rennen. Die Vermutung liegt daher nahe, dass das, was man heute Sport nennt, eine Erfindung des Menschen ist. Zumal es Sportwettkämpfe nicht erst im alten Griechenland gab. Schon vor 5000 Jahren musste ein ägyptischer Pharao nach 30-jähriger Regierungszeit einen Lauf absolvieren, um zu zeigen, ob er für sein Amt noch fit genug war. Sogar auf steinzeitlichen Höhlenzeichnungen wollen Historiker Hinweise gefunden haben, dass die Jagd nicht immer nur der Beute galt.
»Der Wettkampf scheint eine anthropologische Konstante aller Kulturen zu sein«, sagt der Kölner Sportwissenschaftler Wolfgang Decker. Wenn das zutrifft, und vieles spricht dafür, stellt sich die Frage: Welchen Vorteil brachte es unseren frühen Vorfahren, sich im körperlichen Wettstreit zu messen? Der Münchner Evolutionsforscher Josef Reichholf, der für seine originellen und unorthodoxen Antworten auf Fragen der Biologie bekannt ist, hat hierzu ein Modell entwickelt. Danach gehörten zur Nahrung des Homo sapiens vor Jahrmillionen in der afrikanischen Savanne auch frische Kadaver. Wer nun so schnell (und ausdauernd) rannte, dass er zuerst an das begehrte Fleisch kam, konnte mit der erworbenen Beute die Frauen der Horde versorgen und damit zugleich seine Fortpflanzungschancen erhöhen. Außerdem empfahl sich ein guter Läufer dank seiner Kraft und Energie für »höhere« Aufgaben in der Gruppe. Es verwundert daher nicht, dass die Evolution den Laufdrang des Homo sapiens irgendwann durch einen Endorphinschub im Gehirn zusätzlich belohnte. Das Laufen um des Laufens willen wurde so zu einer lustvollen Betätigung, die längst den Charakter einer Massenbewegung angenommen hat.
Zwar stand der Marathon nicht am Anfang der Olympischen Spiele, aber er stand am Anfang der Menschwerdung, meint Reichholf. Da jedoch bei einem solchen Wettlauf nur einer gewinnen kann, hat der Mensch im Laufe der Geschichte nicht nur zahlreiche weitere Sportarten erfunden, sondern das Prinzip des Siegenwollens auch auf andere Lebensbereiche übertragen. Bis heute ist der Ehrgeiz vieler Menschen groß, bei irgendeinem Wettbewerb »Erster« zu werden, selbst wenn man sich dabei lächerlich macht. Zum Beweis genügt ein Blick ins Guinness-Buch der Rekorde.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/233197.alles-auf-sieg.html