nd-aktuell.de / 02.02.1995 / Wirtschaft und Umwelt / Seite 8

Mecklenburg hat Schlachthöfe, aber kein Vieh dazu

PDS: Folgen falscher Förderungspolitik der Landesregierung / Verlust von 150 Arbeitsplätzen und Millionen droht

Schwerin (ND-Schreyer). Einem der drei hochmodernen Schlachthöfe in Mecklenburg-Vorpommern droht in absehbarer Zeit die Schließung. Denn wegen der beträchtlichen Reduzierung der Tierbestände gibt es zu wenig Schlachtvieh. Die Kapazitäten werden nicht einmal zu 50 Prozent ausgelastet. Seit Herbst letzten Jahres versuchen die Eigentümer der Betriebe - Nordfleisch, Moksel und Annuss - gemeinsam mit dem Landwirtschaftsministerium in Schwerin, trocken unterm Regen durchzukommen. Dabei war von den Betreibern

der Vorschlag unterbreitet worden, eines der drei Unternehmen zeitweilig stillzulegen. Um welchen der Standorte -Anklam, Neustrelitz oder Teterow - es sich dabei handeln soll, ist bislang unklar, über ein in Auftrag gegebenes Gutachten, das jetzt vorliegt, wurde Stillschweigen vereinbart.

Aber gleich, welchen Schlachthof es trifft, alle liegen sie in besonders strukturarmen Regionen, und 150 Arbeitsplätze würden direkt wegfallen. Darüber hinaus werden umliegende landwirtschaftliche Betriebe gezwungen, weite

Lieferwege in Kauf zu nehmen und womöglich ihre Produktion erneut einzuschränken.

Seit 1989 ist der Schweinebestand von rund 2,7 Millionen Tieren auf 517 000 Stück im Jahr abgesackt. Alle drei Betriebe zusammen wären aber in der Lage, jährlich 1,5 Millionen Tiere zu schlachten. „Theoretisch könnte ein einziges Unternehmen die Verarbeitung bewältigen“, sagt Lutz Scherling, agrarpolitischer Experte der PDS in Mecklenburg-Vorpommern. Seine Partei habe bereits 1991 davor gewarnt,

einseitig die Schlachtbetriebe zu subventionieren und die Aufzucht und Mast zu vernachlässigen. Die Rechnung, daß die Förderung von modernen, den EU-Normen entsprechenden Schlachthöfen die Primärproduktion günstig beeinflussen werde, sei nicht aufgegangen.

46 Millioneil Mark Landes-, Bundes- und EU-Mittel sind seit 1991 in das Schlachtdreieck geflossen. Grundlage war ein vom Bund in Auftrag gegebenes Gutachten, dessen Daten sich jetzt als falsch erwiesen.

Deshalb geben die Unternohmen dem Staat Mitschuld an dem Dilemma. Sollte deshalb ein Betrieb geschlossen werden, müßte das Land auf die Rückzahlung der Fördergelder verzichten.

Das Land werde in einem solchen Fall alles daransetzen, die entstehenden Nachteile so gering wie möglich zu halten, hieß es dazu im Landwirtschaftsministerium. Eine weitere Besprechung sei in der ersten Februarhälfte vorgesehen, Zusagen über Hilfen wurden indes nicht gegeben.