nd-aktuell.de / 03.08.1995 / Wirtschaft und Umwelt / Seite 9

Die Lehrstellenleere in Thüringen hält an

Noch hängt fast ein Drittel der Bewerber in der Luft / Angebot der Großunternehmen auf Tiefstand Von PETER LIEBERS

In Thüringen ist mit Beginn des neuen Ausbildungsjahres noch immer eine große Zahl Jugendlicher ohne Ausbildungsplatz. Mitte Juli schwankten die Zahlen zwischen 10 000 und 12 000 - bei insgesamt 32 500 Bewerbern ein erschreckendes Loch. Dabei ist zu berücksichtigen, daß fast ein Drittel dieser Bewerber die Schule schon im Vorjahr oder noch früher verlassen hat und seither auf einen angemessenen Ausbildungsplatz wartet oder den ersten durch Konkurse schon wieder verloren hat. Neue Fördermaßnahmen des Landes, Appelle an die Unternehmen finden bescheidene Reaktion.

Zwar wurden nach Angaben des Thüringer Wirtschaftsministeriums bis Juni im Land neun Prozent mehr Lehrstellen angeboten als im Vorjahr, die Zahl der Bewerber ist jedoch um 11,7 Prozent gestiegen. Angesichts dieser Misere bietet das Ministerium in einer weiteren Förderrichtlinie Betrieben, die seit Januar 1993 gegründet wurden und erstmals einen Ausbildungsplatz bereitstellen, Zuschüsse von 5 000 Mark für männliche und 7 000 Mark für weibliche Auszubildende an. In Gera hat Arbeitsamtsdirektorin Kristina Voigt gemeinsam mit dem Oberbürgermeister an alle Unternehmen und die Verwaltungen appelliert, zusätzliche Ausbildungsplätze zu schaffen. 500

Jugendliche möchten im Amtsbereich noch eine Ausbildung beginnen, doch nur fünf Plätze sind auf den Appell hin gemeldet worden, sagte ein Sprecher des Arbeitsamtes dem ND. Es sei offenbar unverzichtbar, erneut ein Programm für die außerbetriebliche Ausbildung aufzulegen, die Entscheidung müsse letztlich in Bonn getroffen werden.

Inzwischen wächst die Kritik vor allem an den Großbetrieben des Freistaates. Die zehn größten von ihnen mit zusammen 16 000 Mitarbeitern stellen lediglich knapp 160 Lehrstellen bereit. Für den wirtschaftspolitischen Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Klaus Goedecke, eine „drama-

tisch negative Entwicklung“, da eine qualifizierte Ausbildung ein entscheidender Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und des Wirtschaftsstandortes Thüringen sei. Die Parlamentarische Geschäftsführerin- der PDS-Fraktion, Cornelia Nitzpon, beschuldigte die Landesregierung, sich mit einer Ausbildungslüge aus der Verantwortung zu ziehen. Ihre Fraktion hatte den Antrag eingebracht, 3 250 Ausbildungsplätze im öffentlichen Dienst zu schaffen. Der war von der CDU-SPD-Koalition mit der Bemerkung abgeschmettert worden, es werde doch genügend ausgebildet. Innenminister Richard Dewes (SPD) sprach in dem Zusammenhang von über 3 000 in der Ausbildung. Nach Angaben von Frau Nitzpon sind im Landeshaushalt aber nur 300 Stellen ausgewiesen. Die Politikerin sieht darin einen weiteren Beweis für Doppelzüngigkeit der Landespolitik:

Alle Vorwürfe und Appelle bleiben aber offenbar ohne Wirkung. Opel-Personalchef Dietmar Hemmie hatte schon im Frühjahr den öffentlichen

Vorwurf, das mit über 260 Millionen Mark Subventionen aufgebaute Eisenacher Unternehmen sei ein „Ausbildungsdeserteur“, locker damit abgewiesen, daß wegen der jungen Mannschaft und der damit geringen Fluktuation pro Jahr nicht mehr als zehn Azubis eingestellt werden könnten.

Das Hauptproblem ist freilich, daß nahezu 90 Prozent

hat deshalb ein Aktionsprogramm vorgelegt, das die Neuordnung der Finanzierung, tarifliche Ausbildungsgarantien und neue Organisationsstrukturen im Berufsbildungssystem vorsieht. Auf heftigen Widerspruch stieß seine Forderung nach einem „überbetrieblichen Lastenausgleich“ Kammern und Verbände sehen darin eine Existenzgefährdung für viele Betriebe. Spieth hingegen verweist auf die Bauindustrie, die seit Jahren mit einem Fonds zur Finanzierung von Ausbildungsplätzen arbeitet.

Leidtragende dieses fruchtlosen Streites sind die jungen Leute, von denen Presseberichten zufolge manche bis zu 80 Bewerbungen ohne Erfolg geschrieben haben. Einige von ihnen haben inzwischen bei Wohlfahrtsverbänden Stellen für ein Freiwilliges Soziales Jahr ergattert. Doch auch da kommen wie bei den Lehrstellen vier Bewerber auf einen Platz. Die Verträge können außerdem nur unter Vorbehalt abgeschlossen werden, weil die Landesförderung für über 100 Plätze bisher vom Finanzminister gesperrt ist.