nd-aktuell.de / 10.11.2004 / Sport
»Nie wieder Faschismus«
Der FC St. Pauli gedenkt der Opfer der Nazi-Herrschaft
Volker Stahl, Hamburg
Während sich das Geschäftsgebaren des FC St. Pauli kaum noch von dem anderer Proficlubs unterscheidet, überraschen Fans und Vereinsspitze immer wieder mit politischen Initiativen. Aus Anlass des 66. Jahrestages der Reichspogromnacht enthüllte Fan-Sprecher Roger Hasenbein zusammen mit Vereinspräsident Corny Littmann eine Gedenktafel im Millerntorstadion. In der Südkurve prangt seit gestern ein schwarzes Schild mit der Inschrift: »Zum Gedenken an die Mitglieder und Fans des FC St. Pauli, die während der Jahre 1933 bis 1945 durch die Nazi-Diktatur verfolgt oder ermordet wurden.«
Die Idee zu der im deutschen Fußballsport einmaligen Initiative hätten Anhänger des Vereins vor einem Jahr entwickelt, berichtete Hasenbein. Viele Fans hatten sich an den wenige Meter entfernt stehenden Gedenkstein zu Ehren »unserer Gefallenen 1914-1918/1939-1945« gestoßen, der nur eine Opfergruppe benennt - die der Soldaten. »Für uns ist die Gedenktafel nicht nur historisch bedeutsam«, betonte der Vertreter aller offiziellen Fanclubs, »wir wollen auch ein Zeichen in der Gegenwart setzten.« Hasenbein nannte in diesem Zusammenhang das Einziehen von Neonazis in die Parlamente und rechte Gröler, die sich immer wieder in den Stadien mit rassistischen und sexistischen Parolen bemerkbar machten.
Unterstützt wurde die Initiative von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der AntifaschistInnen. Landesvorstand Traute Springer-Yakar sagte: »St. Pauli war immer ein weltoffener Stadtteil, tolerant und proletarisch. Aber Hamburg war in der Nazizeit auch Mustergau, in dem viele Bewohner des Stadtteil zwangssterilisiert oder vernichtet wurden.« Vereinspräsident Littmann sprach von einer »Pflicht zum Gedenken« und meinte - bezogen auf die häufig gestellte Frage, ob ein Verein sich überhaupt politisch einmischen soll: »Es ist notwendig, sich zur demokratischen Ordnung zu bekennen.«
Das politische Engagement innerhalb des Vereins hat Tradition. Mit dem Schlachtruf »Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus, nie wieder dritte Liga!« fing Mitte der achtziger Jahre alles an. 1989 schuf der St. Pauli als erster Verein den Posten des Fanbeauftragten im deutschen Profifußball, organisierte Freundschaftsspiele mit türkischen Mannschaften als Gegenprogramm zur Ausländerfeindlichkeit und verbot den Verkauf von Aufnähern mit rechtslastigem Inhalt. Die Reichskriegsflagge und rassistische Schmähungen im Stadion waren Vergangenheit, nachdem die Stadionordnung sie untersagte - auch hier war der Kiezklub bundesweit Vorreiter. Zuletzt beteiligte sich der 1910 gegründete Club am Fonds für die Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter. Bis heute folgte kein Verein in Deutschland diesem Beispiel.
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