nd-aktuell.de / 26.11.1996 / Politik / Seite 5

EEEBI Dürfen Linke Nazis »spielen«?

Die Leipziger PDS und ein fataler »Vorfall« Von Marcel Braumann

Der am Sonnabend neu gewählte stellvertretende Vorsitzende der Leipziger PDS, Peter Wasem (22), ist von der Stadträtin Henrike Dietze schwer beschuldigt worden. Wasem soll sich im Kreise von vier PDS-Kommunalpolitikern - darunter die Genossin Dietze - dafür ausgesprochen haben, daß »Linke Nazis spielen« dürfen, um unerwünschte Veranstaltungen zu stören. Nachdem Wasem trotz der Vorwürfe gewählt wurde, erklärte Frau Dietze ihren Parteiaustritt, da ihr »Vertrauen in die moralische Kraft und Verläßlichkeit der PDS tief erschüttert worden« sei.

Der konkrete Aufhänger- Jura~-Student Wasem habe Sympathie für die Idee einer »gespielten« Nazi-Störung des Podiumsgesprächs zwischen dem Leipziger PDS-Stadtratsfraktionschef Lothar Tippach und der Dresdner PDS-Politikerin Christine Ostrowski über deren »Brief aus Sachsen« gezeigt. Tatsächlich wollte, so Wasem gestern gegenüber ND, jemand aus dem Jugendzentrum »Conne Island«, das vorwiegend von Angehörigen der autonomen Szene besucht wird, als »Nazi« die Veranstaltung aufmischen. Wasem

hatte als Sprecher der Leipziger AG Junge Genossinnen zuvor in einem offenen Brief Tippach aufgefordert, die Diskussion mit Frau Ostrowski abzusagen.

Die geplante Störung fand schließlich nicht statt, und Wasem sagt heute, er habe die Idee den »Conne Island«-Leuten auszureden versucht. Daß er die Veranstalter nicht über die Gefahr informierte, sei allerdings ein »Fehler« gewesen. Er werde im übrigen Henrike Dietze nicht der Lüge bezichtigen, weil er nicht genau wisse, was er am Biertisch zum Thema Nazispielen gesagt habe. Ex-Genossin Dietze sieht bei Wasem eine gefährliche Geisteshaltung am Werk, die ihn in einem Leserbrief von »Rattenkämpfen« in der PDS-Landtagsfraktion schreiben ließ.

Über diese Wortwahl könne man streiten, räumte Wasem gestern ein. Da sei wohl »das Bedürfnis, mich in Szene zu setzen«, mit ihm durchgegangen. Lothar Tippach kommt sich derweil »wie eine Schachfigur im großen Spiel« vor und findet sowohl Wasems Verhalten kritikwürdig wie auch den Termin der öffentlichen Anwürfe kurz vor einer Wahl. PDS-Stadtvorsitzender Dietmar Pellmann »kann zum Vorfall« am Biertisch »nichts sagen«, weil er nicht dabei war, und hält Wasem immer noch für einen »begnadeten jungen Mann«.