nd-aktuell.de / 07.02.2013 / Kultur / Seite 1

Gangnam unter Belagerung

Musikvideo macht auf Situation im Gazastreifen aufmerksam

Fabian Köhler
Die Anmutung könnte dilettantischer kaum sein: Fünf Männer und ein Kind tanzen mit mäßiger Begabung auf zusammengeschnittenen Handy-Video-Clips zu der Musik des südkoreanischen YouTube-Hits „Gangnam Style“. Trotzdem verbreitet sich das Video gerade tausendfach im Internet. Grund dafür ist der Drehort.

Auf den ersten Blick ist das Video mit dem Titel „Gangnam Gaza Style“ bestenfalls ein guter Grund zum Fremdschämen: Vier Minuten lang reiten, tanzen und hüpfen fünf mit schwarzer Kleidung und Sonnenbrille ausgestattete Männer und ein Kind vor verschiedenen Kulissen des Gazastreifen. Dazwischen schlechte Effekte aus der Videobearbeitungssoftware. Im Hintergrund läuft das Elektropop-Gedudel des südkoreanischen Sängers Psy. Warum das Video trotzdem nicht zwischen Tausenden ähnlich schlechten Clips im YouTube-Nirwana verschwindet, ist die politische Botschaft des Clips.

Mit handgeschriebenen Zetteln machen die Protagonisten auf die Situation im Gazastreifen aufmerksam. Sichtbar gelangweilt sitzen vier Männer auf einer Kinderdecke am Strand. „Arbeitslosigkeit“ steht mit roten Filzstift geschrieben auf dem Rücken einer der Männer. Einem voll besetzten Auto geht das Benzin aus und zwingt die Insassen im Rhythmus der Musik auf Eseln weiter zu reiten. „Kein Benzin“ liest man auf Englisch und Arabisch. Eine Szene zeigt das im vergangenen November durch israelische Angriffe zerstörte Fußballstadion. Dazu gibt es weinende Kinder.

„Die Botschaft dreht sich um unser Leiden, Einsperrung, Arbeitslosigkeit und Strommangel – den Gegenständen unserer Probleme“, erklärte einer der Macher des Videos, Walid Afghani, gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Eher unfreiwillig symbolisiert nicht zuletzt aber auch die schlechte Qualität des Remakes gegenüber dem südkoreanischen Original die Situation im belagerten Gazastreifen: Lediglich einige Handy-Kameras standen den „Produzenten“ zur Verfügung.