nd-aktuell.de / 12.04.2013 / Sport / Seite 19

Gegen das Trauma spielen

FC Bayern bezwingt Juventus Turin souverän und wünscht sich auf dem Weg ins Finale Dortmund als Gegner

Elisabeth Schlammerl, Turin
Wie im Hinspiel in München siegt der FC Bayern 2:0 gegen Juventus Turin - und hinterlässt dabei den besten Eindruck aller Halbfinalteilnehmer.

Es war ein paar Minuten nach Mitternacht, als Karl-Heinz Rummenigge in dem kleinen Bankettsaal des Hotel Prinicipi di Piemonti mitten in Turin auf Konfrontationskurs ging. Der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München knöpfte sich in aller Öffentlichkeit Matthias Sammer vor. Er werde sich nun über ihn hinwegsetzen, verkündete Rummenigge am Ende seiner knapp dreiminütigen Rede. Aber wie alles an diesem Champions-League-Abend, passierte auch das mit einem Schmunzeln.

Rummenigge erlaubte also der Mannschaft nach dem Halbfinaleinzug, die Fokussierung zumindest für ein paar Stunden aufzugeben, trotz des bevorstehenden Bundesliga-Duells am Samstag mit Nürnberg. »Als Deutscher Meister können wir das etwas entspannter angehen.« Der Sportvorstand, »der ja nach Siegen«, so Rummenigge, »immer noch mahnt«, wagte es nicht, seinem Chef zu widersprechen, sondern akzeptierte gut gelaunt, dass die Nacht in Turin etwas länger dauerte. »Ich glaube, jetzt gilt es, auch mal durchzuatmen«, gab selbst Sammer zu.

Die Münchner hatten zuvor einen weiteren Schritt auf dem Weg zum größten ihrer drei Ziele geschafft. Juventus Turin wurde wie im Hinspiel auch im stimmungsvollen Stadion des italienischen Rekordmeisters 2:0 bezwungen. Und dabei strahlte der FC Bayern im Viertelfinale die größte Souveränität von allen vier noch im Wettbewerb befindlichen Mannschaften aus. Dennoch war Rummenigges Rat nicht als Aufforderung zur Sause zu verstehen. Die Spieler wussten das richtig einzuschätzen, wie auch die Lobeshymnen in den vergangenen Wochen. »Sie haben sie wahrgenommen, aber sich nicht davon beeinflussen lassen. Das ist das Positive«, sagte Trainer Jupp Heynckes.

Ganz abschalten konnten die Spieler bei Köstlichkeiten am üppigen Büfett ohnehin nicht. Es drehte sich vieles darum, wohin die Bayern die nächste Champions-League-Reise führen würde. Madrid, Barcelona oder Dortmund sind die Optionen in diesem besonderen Duell zwischen den beiden besten Teams der spanischen Primera Division und der Bundesliga. »Das sind vier Mannschaften auf Augenhöhe«, meinte Kapitän Philipp Lahm.

Präsident Uli Hoeneß sieht das seit dem gewonnenen Pokalspiel gegen die Westfalen Ende Februar allerdings ein klein wenig anders. »Am Tisch«, verriet er zu vorgerückter Stunde, »herrscht auch die Meinung vor: Dortmund wäre schön.« Weil der BVB, wie er findet, »schlagbarer als die Spanier« ist. Der brasilianische Verteidiger Dante hofft noch aus einem anderen Grund, dass die heutige Auslosung ein Bundesliga-Duell ergibt. »Dann ist auf jeden Fall ein deutscher Klub im Finale. Das wäre gut für unser Land«, sagte er. Dass er für einen Augenblick seine Wurzeln vergaß, kann im Überschwang schon einmal passieren.

Das Rückspiel in Turin war kein rauschendes Fußballfest, sondern vielmehr der Triumph einer gefestigten Mannschaft, die sich ihrer Stärke, der mentalen und der spielerischen, jederzeit bewusst war. In der ersten Hälfte hatten die Bayern Schwierigkeiten, die forsch auftretenden Italiener in den Griff zu bekommen. Aber »wir haben Charaktere im Team«, sagte Lahm, »die dann ruhig bleiben«. Nach der Pause brachten die Münchner die Gegenwehr von Juventus zum Erlahmen und führten mit den Toren von Mario Mandzukic und Claudio Pizarro souverän zu Ende, was sie acht Tage zuvor begonnen hatten. »Bayern ist sowohl im Einzelnen als auch im Kollektiv stark. Sie werden auch in den kommenden Jahren eine der besten Mannschaften in Europa sein«, sagte Turins Trainer Antonio Conte.

Erst einmal haben die Münchner aber das Finale in dieser Saison im Blick. Und »dass wir diesen 19. Mai, der uns allen noch in den Gliedern steckt, so schnell wie möglich abschütteln«, sagte Rummenigge. Die bitterste Niederlage der Vereinsgeschichte im Finale gegen Chelsea vor einem Jahr ist auch im Moment des Triumphs stets präsent und dient als Motor. »Der Weg«, weiß Mandzukic, »ist noch nicht zu Ende.« Die Bayern befinden sich aber immerhin schon auf der Zielgeraden.