Robert Harting bleibt der Goldjunge der deutschen Leichtathletik. Der Diskus-Olympiasieger hat in Moskau seinen dritten WM-Titel in Serie gewonnen - genießen kann er seinen Erfolg aber nicht so recht.
Robert Harting ist erschöpft. Einen Tag nach seinem dritten Gold-Coup in Serie schleppte sich der alte und neue Weltmeister durch die Lobby des deutschen Mannschaftshotels »Golden Ring« in Moskau. Der Diskus-Riese wirkte müde, fast ein bisschen ausgebrannt - nicht nur wegen der kurzen Nacht nach seinem Triumph im Luschniki-Stadion. »Jetzt bin ich einfach sehr froh und erleichtert, dass es noch gereicht hat«, sagte er leise. Die Belastungen nach seinem Olympiasieg in London haben ihn fast erstickt, dem 2,01-Meter-Mann mit dem dicken Bizeps alle Kräfte abverlangt.
Harting schindete sich ja nicht nur im Training ab, sondern musste außerdem noch Prüfungen in der Universität ablegen, etliche PR- und Sponsorentermine wahrnehmen und hat außerdem ein Haus gebaut. Hohe Erwartungen lasteten auf ihm, überall. Alle wollten etwas von Harting, zerrten an ihm. Wegen der »Überlastungen« hatte er sich wie im »Stand-by-Modus« gefühlt und im Training »seinen Körper verlassen«, um sich von außen zu beobachten. Sogar die Hilfe eines Psychologen nahm der 28-Jährige in Anspruch, um wieder in die Spur zu kommen. »Ich musste lernen, den Stress als Herausforderung zu sehen«, sagte Harting.
Gold bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Russland holte sich der Student der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation trotz Rückenschmerzen und einer im letzten Versuch zugezogenen Oberschenkelzerrung nahezu im Vorbeigehen ab. Mit 69,11 m krönte er sich erneut zum Diskus-König. Doch während seine Freundin Julia Fischer auf der Tribüne Tränen der Freude vergoss, nahm Europameister Harting seine Goldmedaille fast teilnahmslos zur Kenntnis. »Der erste Titel ist immer etwas Besonderes, da ist man berauscht, als gäbe es kein Morgen«, sagte Harting, aber mit der Zeit »verschieben sich die Dimensionen. Man kann plötzlich etwas verlieren, Jagen ist viel einfacher. Da gibts nur eine Richtung: nach vorne.«
Harting selbst schaut schon lange auch nach rechts und links, macht sich Gedanken, sagt seine Meinung, eckt an und muss Konflikte austragen. Das hinterlässt Spuren bei dem Koloss, der viel sensibler ist, als er sich oft gibt. Sein großes Hobby ist die abstrakte Malerei.
Sportlich wird es für Harting aber immer schwieriger, sich noch zu motivieren. Ob die fünf WM-Titel von Lars Riedel ein Ziel für ihn seien, wurde er gefragt. »Nicht wirklich«, meinte Harting, der längst in anderen Dimensionen denkt: »Ich möchte Dinge bewegen, Strukturen verändern.« Der Fein- und Freigeist forcierte neben allen anderen Verpflichtungen auch noch sein neues Lieblingsprojekt: Ein alternatives Fördermodell für Spitzensportler. »Wir brauchen eine neue Strategie«, sagt er enstchlossen.
Am Konzept werde noch gefeilt. Das Projekt soll aber zeitnah vorgestellt werden. »Da sind auch Dax-Unternehmen beteiligt, aber es müssen noch politische Hindernisse überwunden werden«, sagte Harting. Mehr wolle er nicht verraten. Seit Jahren gehört Harting zu den lautesten Kritikern am bestehenden Fördermodell im deutschen Sport und hat sich öffentlich immer wieder mit DOSB-Präsident Thomas Bach angelegt. Harting will an größeren Rädern drehen, die Leichtathletikwelt wird ihm langsam zu klein.
Deswegen war Harting auch froh, dass er Anfang Juni nach 35 Siegen in Serie gegen seinen ärgsten Widersacher Piotr Malachowski aus Polen bei einem Meeting in Hengelo verloren hatte. Erst danach »habe ich den Schalter wieder umlegen können«, sagte er, »ohne die Niederlage hätte ich ihn hier wohl nicht schlagen können.« Malachowski holte mit 68,36 m Silber, Dritter wurde Gerd Kanter aus Estland (65,19 m).
Ein WM-Titel ist für Harting längst kein Grund mehr für eine ausartende Fete: »Es gab noch eine kleine Zimmerparty und um drei Uhr morgens einen Snack bei McDonalds.« Mehr nicht. »Zum Tanzen hatte ich keine Kraft mehr«, sagte er. Dieses Jahr hat Harting erschöpft.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/830309.robert-harting-ein-mueder-weltmeister.html