Das ist ein Plädoyer für den Taschenkalender aus Papier, für das Schreiben mit einem Stift, für das Umblättern raschelnder Seiten, das Anschauen von Bildern, das Durchstreichen von Terminen, das stichwortartige Archivieren eines Lebensjahres. Der Papierkalender lebe hoch, vor allem der seit langem erscheinende Frauenkalender aus dem PapyRossa Verlag. Auch für das nächste Jahr gibt es ihn, wieder mit einem Titelbild der Fotografin Gabriele Senft, die für ihre sensiblen Fotos und ihr Engagement für die Solidaritäts- und Friedensbewegung bekannt ist und auch oft für das »neue deutschland« arbeitete. Sie ist dieses Mal nicht nur als Fotografin vertreten, sondern als eine der Frauen 2014, die wir in dem kleinen Kompendium zwischen Betriebsversammlung und Zahnarzttermin anschauen können, und von der wir einen ganz kurzen Abriss ihres Lebens lesen können.
Ob Karin Leukefeld, ebenfalls Autorin dieser Zeitung, Luise Kautsky, Angela Davis oder die französische Fotografin Yvette Troispoux - die Herausgeberinnen dieses Kalenders haben sich wieder erfolgreich bemüht, eine gute Mischung von bekannten und unbekannten Frauen aus allen Bereichen des Lebens vorzustellen. Zum Beispiel erfahren wir von der Schweizerin Anna Göldi, einer Dienstmagd, die im 18. Jahrhundert lebte und als eine der letzten »Hexen« in Europa hingerichtet wurde. Erst 2008 wurde sie rehabilitiert. Leider gibt es einige Fotos in den Wochenübersichten, bei denen eine Erklärung fehlt. Das wird den wissbegierigen Leserinnen, an die sich »Wir Frauen 2014« richtet, sicher auffallen.
Im politischen Teil geht es um Frauen auf der Flucht, sie zählen in Millionen und sind wesentlich schlechter gestellt als Männer, obwohl sie zahlenmäßig deutlich mehr sind, und sich in der Regel noch um Kinder und Familienangehörige zu kümmern haben. Überraschend die kurze Zusammenfassung zu einem ganz aktuellen Wirtschaftsthema, dem Fracking. Zwischen Wasser und Zusammenleben, beides quasi existenzielle Frauenthemen, finden sich eine kurze, gut verständliche Erklärung sowie eine Grafik über die umstrittene Methode, mittels Chemikalien Öl und Gas aus Gesteinsschichten zu pressen, an die man mit konventionellen Methoden nicht heran käme. Die Nebenwirkungen aber - Vergiftung der Böden und des Grundwassers, lokale Einbrüche, kleine Beben - sind gefährlich und nicht bis ins letzte Detail erforscht. Natürlich ist Fracking auch ein Frauenthema - wie alle ökonomischen Probleme der Gegenwart.
Der Frauentaschenkalender mit dem praktischen Wochenüberblick auf zwei gegenüberliegenden Seiten ist eine Fundgrube für Daten, Geschichten und Adressen.
Florence Hervé, Melanie Stitz (Hg.):
Wir Frauen. 2014[1]. PapyRossa. 253 S., 14,2 x
10,8 cm, br., 9,95 €
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/915839.flucht-fracking.html