nd-aktuell.de / 08.05.2015 / Politik / Seite 4

Der Sinnstifter

Velten Schäfer über den Historiker Heinrich August Winkler, der im Bundestag am 8. Mai die Gedenkrede hält

Velten Schäfer

Sollte die Straße hinter einer deutschen Uni den Namen einer Feministin tragen, die gegen den Ersten Weltkrieg opponierte? Oder den einer Dynastin, die ihre Stiefkinder vergiftet haben soll?

Das mit dem Gift ist wohl Legende. Doch die nach der Wende von Heinrich August Winkler betriebene Rückbenennung der Berliner Clara-Zetkin- in Dorotheenstraße illustriert die Agenda, mit der der Historiker damals aus Freiburg in die Hauptstadt kam. Die emotionale Episode zeigt auch, warum sich der 1938 in Königsberg geborene Historiker für die Ehre empfiehlt, im Bundestag als erster Nichtpolitiker die »runde« Rede zum 8. Mai zu halten.

Winklers Werk besteht nämlich in einer letztlich irritationsfreien Erfolgserzählung »des Westens«: Stets in Bedrängnis, habe dieser von der amerikanischen Revolution über 1945 bis 1989/91 seine demokratische Mission vollendet, um heute vor neuer Bedrohung zu stehen. Eine Figur wie Zetkin passt da nicht: Die Initiatorin des Internationalen Frauentags, die bürgerliche Demokratie zwar ablehnte, sich im Zweifel aber mit ihr verbünden wollte?

Ihr Beispiel macht deutlich, wie sehr sich Winklers »Westen« auch aus Quellen speist, die er zum Anti-Westen rechnet. Nicht nur, weil ihm die 1933 Verstorbene für die DDR stand, deren Historiker er gerade »abwickelte«, könnte er sich damals so sehr für Zetkins Tilgung engagiert haben. Sondern auch, weil sie quer liegt zu jenem Schwarz-Weiß, zu dem verdammt ist, wer Geschichte zur staatlichen Sinnstiftung nutzt.

Ausdrücklich dazu war Winkler einst angetreten; der 8. Mai 2015 ist seine Krönung. Als Redner einer Großen Koalition ist das konservative SPD-Mitglied am richtigen Platz - spätestens seit er nach 1990 seine Position im »Historikerstreit« um die Singularität des Holocaust nach rechts modifizierte. Hinsichtlich einer künftigen Gesellschaft, in der »südliche« Perspektiven an Gewicht gewinnen, scheint freilich ein von allem Wissen um Kolonialgewalt und Rassismus nicht grundsätzlich beirrter Kult des »Westens« und seiner historischen Berufung ein Auslaufmodell.